Halunder ist eine Sprache, die fast nur gesprochen wird. Auf den 84.246 Satzpaaren des Trainingskorpus liegt deshalb ein verhältnismäßig hohes Gewicht: Halunder hat nie eine breite schriftliche Tradition entwickelt. Es gibt drei Wörterbücher, eine Handvoll Lehrbücher, ein paar Theaterstücke. Und „Der Helgoländer“.
Die einzige durchgehende Quelle
„Der Helgoländer“ ist die monatliche Inselzeitung, gegründet 1948, seit Mitte der 1960er Jahre lückenlos archiviert. Für halunder.ai habe ich alle 61 Jahrgänge von 1964 bis 2024 OCR-isiert und nach Halunder-Wortmarkern durchsucht (digraphen wie tj-, dj-, sj-, eä, uun, iip, deät, plus Wortlisten aus Krogmann und Århammar). Das Ergebnis ist die einzige Zeitreihe, die wir über die schriftliche Präsenz von Halunder im öffentlichen Druck haben.
Die Kurve
Sie ist eindeutig: ein langsamer Anstieg in den späten 60ern, ein kontinuierliches Wachstum durch die 70er, der Peak 1982 mit 5.124 Halunder-Wörtern in zwölf Ausgaben, danach ein stetiger Rückzug. 2024 enthalten zwölf Ausgaben zusammen noch 31 Halunder-Wörter.
Die 80er waren nicht zufällig der Höhepunkt. Mina Borchert hatte gerade ihren Halunder-Unterricht an der James-Krüss-Schule aufgenommen (1985, Klassen 1 bis 4), Århammars Schreibreform war Konsens, und Wi lear Halunder ging 1987 in Druck. Die Sprache hatte Sichtbarkeit, sie hatte ein Lehrbuch, sie hatte Lehrer. Das spiegelt sich Wort für Wort im Helgoländer wider.
99.187 Wörter über 60 Jahre
Insgesamt zähle ich 99.187 Halunder-Wörter in dem Zeitraum 1964 bis 2024, verteilt auf 30 Jahrgänge mit jeweils über 1.000 Wörtern und 31 Jahrgänge unterhalb dieser Schwelle. Klingt nach viel. Ist es nicht. Zum Vergleich: ein einziger Roman von 300 Seiten kommt auf 80.000 bis 120.000 Wörter. Sechs Jahrzehnte öffentlicher Halunder- Druckpräsenz fassen sich in eine durchschnittliche Bachelorarbeit.
Warum die Daten halunder.ai möglich machen
Aus diesen 99.187 Wörtern, kombiniert mit Krogmann (1957), den drei Wörterbüchern von Ritva Århammar und dem Lehrwerk Wi lear Halunder, entstand das parallele Trainingskorpus, auf dem halunder.ai läuft. Ohne den Helgoländer wäre die Hälfte des Halunder-Schrifttums vor 1990 verloren oder unzugänglich. Jede Übersetzung, die heute im Übersetzer erscheint, lebt indirekt von einer Stunde Layout in den 80ern, von einer Lehrerin, die einen Schüleraufsatz auf Halunder druckte, oder von einer Erinnerung, die jemand 1991 an die Insel-Redaktion geschickt hat.
Im Sprachporträt kannst du den Verlauf als interaktive Grafik anschauen. Wenn du selbst Ausgaben oder Anekdoten aus dem Helgoländer hast, schreib mir. Jedes vergessene Heft ist Gold wert.
Quelle: Eigene Auswertung der Monatszeitung „Der Helgoländer“, Ausgaben 1964–2024
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