Die Lumme ist Helgolands Wappentier auf zwei Beinen. Sie sitzt zu Hunderttausenden am Lummenfelsen, schreit so laut, dass man sich die Ohren zuhalten muss, und brütet auf nacktem Stein. Auf Halunder heißt sie Skit (gesprochen Skitt), Plural Skitten. Festländer hören das und tippen sofort auf den naheliegenden Witz. Schiet, Kot, Guano, das passt zur Vogelkolonie wie der Speck auf den Felsen. Genau diese Erklärung hat sich knapp 70 Jahre lang in der Heimatliteratur gehalten, bis Nils Århammar sie 1997 in der Reihe „Halunder Spreek“ auseinandernimmt.
1928: der Schulrektor und der Guano
Die naive Variante steht in einem Heimatbuch der Nordsee-Inseln, herausgegeben 1928 von A. Janßen und W. Lobsien. Den Artikel über Helgoland verfasste Jacob Erichsen, damaliger Schulrektor der Insel. Sein Satz wird seither immer wieder zitiert:
„… hausen die Lummen oder Skitten, wie der Helgoländer sie nach dem von ihnen erzeugten ‚Guano‘ nennt.“
Das ist sympathisch und im Prinzip nicht unmöglich. Tiere werden durchaus nach ihren Hinterlassenschaften benannt. Der Tordalk trägt das altnordische Tord für „Dreck“ im Namen, der Graureiher heißt im Niederdeutschen Schietreiher. Sprachen sind beim Vogelbenennen selten zimperlich.
Aber: für Erichsens These müsste Skit die Verkürzung einer Zusammensetzung sein, also etwa Skit-Vogel oder Skit-Mees, von der dann nur das Bestimmungswort übrig geblieben ist. „Schiet“ allein als Vogelname, ohne Grundwort, gibt es im germanischen Sprachraum nirgends. Schon diese Lücke macht stutzig.
Die ältere Form: Skütt
Århammars eigentliches Argument kommt aus der Lautgeschichte. Im ausgehenden 18. Jahrhundert und durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch wird der Vogel in den Helgoland-Quellen nicht Skit geschrieben, sondern Skütt. Hoffmann von Fallersleben notiert ihn so, der Heimatforscher Friedrich Oetker ebenfalls, und auch Heinrich Gätke, der mit seinem Buch Die Vogelwarte Helgoland die internationale Ornithologie auf die Insel aufmerksam gemacht hat. Erst im 20. Jahrhundert verschiebt sich die Vokalqualität zum heutigen Skit.
Wer Skütt im westfriesischen Sprachraum nachschaut, findet prompt das Gegenstück: skoet, mit langem u gesprochen. Im englischen Dialekt liegt parallel scout, gemeint ebenfalls die Lumme oder eng verwandte Vögel. Alle drei Formen lassen sich auf eine gemeinsame altfriesisch-englische Urform *sküte zurückführen. Das passt zur Lautgeschichte des Helgoländischen (vgl. altes üt gegenüber heute it, „aus“).
Was bedeutet sküte?
Århammar verknüpft die Form mit dem englischen Verb shout, „rufen, schreien“. Im Holländischen heißt der Vogel zeekoet, also zee („See“) plus koet, ohne den s-Anlaut. Diese Schwankung mit und ohne s ist im Germanischen nichts Ungewöhnliches, vergleiche etwa deutsches „schlecken“ neben „lecken“.
Damit schlägt Århammar eine Brücke zum deutschen Kauz, mittelhochdeutsch küze. Auch der Kauz ist ein Vogel, dessen Name auf den durchdringenden Ruf zurückgeht. Im Englischen trägt sogar ein Greifvogel diesen Wortstamm: kite, die Gabelweihe, altenglisch cyta, mit dem typischen i-Umlaut aus u. Wer die Lumme zur Brutzeit am Skittenhörn gehört hat, weiß genau, wovon die Etymologie spricht.
Das Lummenjunge heißt Fürrit
Als Beigabe lässt Århammar das Halunder-Wort für das Lummenjunge prüfen: Fürrit. Das ist offensichtlich lautmalerisch. Heinrich Gätke notiert in seiner Vogelwarte den Ruf der Jungvögel als irrr-r-r-idd. Eine Helgoländer Lautregel hilft beim Hören: vor r wird kurzes i zu ü verfärbt. Aus irridd wird Fürrit, fast eine Vogelstimmen-Notation, die durch die normale Phonologie der Insel-Sprache gelaufen ist.
Was bleibt
Es gibt zwei Wege, einen Vogel zu benennen. Den, den er hinterlässt. Und den, den er aus sich herausschreit. Auf Helgoland hat sich, anders als die Heimatliteratur von 1928 glaubte, der zweite durchgesetzt. Die Lumme heißt seit Urzeiten *sküte, der Schreier. Das Wort ist nicht peinlich, es ist nur unhöflicher als gedacht. Wer am Skittenhörn war, weiß, dass das in Ordnung geht.
Århammars Aufsatz steht im Helgoländer Nr. 401 vom November 1997. Wer den ausführlichen Lummen-Eintrag im Original lesen will, findet ihn in Heinrich Gätkes Die Vogelwarte Helgoland, neu aufgelegt im Verlag Maren Knauß, Artikel Nr. 386.
Quelle: Hauptquelle: Nils Århammar, „Skit, der helg. Name der Lumme“, Der Helgoländer Nr. 401, November 1997, S. 13-15. Frühere Quelle: Jacob Erichsen in Janßen/Lobsien, „Die Nordseeinseln“, 1928 (Nachdruck 1982), S. 211.
- #der-helgolaender
- #etymologie
- #lumme
- #vögel
- #1990er