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Halundrigens

Der Streit um den Namen „Helgoland“

· 6 minAdam von Bremen schrieb um 1050 „Heiligland“. 1909 widersprach Theodor Siebs mit „hohes Land“. 1968 widerlegte Willy Krogmann ihn auf sechs Spalten im Helgoländer. Drei Jahrhunderte Streit um einen Inselnamen, der mehr Logik hat, als man auf den ersten Blick sieht.

Der Name Helgoland taucht zum ersten Mal um das Jahr 1050 auf, in Adam von Bremens Hamburgischer Kirchengeschichte. Adam schreibt Heiligland, also auf Hochdeutsch. Das ist auffällig, weil Adam ein Lateiner war und seine Notizen über die Nordsee von Gewährsleuten hatte. Die hochdeutsche Form deutet darauf hin, dass er die Insel von einem Festländer beschrieben bekam, nicht von einem Einheimischen. Trotzdem hat sich um diesen einen Eintrag eine Frage zentriert, die Sprachforscher seither nicht losgelassen hat: Heißt diese Insel wirklich „heiliges Land“?

Sieben Jahrhunderte Konsens

Zwischen Adam von Bremen und dem ersten Widerspruch lagen ungefähr 600 Jahre. In dieser Zeit nennt die Jordebok König Valdemars II. im 13. Jahrhundert die Insel Hrelghreland (dänisch), niederdeutsche Quellen schreiben Hilligeland, Hilgeland, Hil(l)ichland, lateinische schließlich Terra sancta und Insula sacra. Alle diese Formen meinen dasselbe: heilig. Der Konsens ist erstaunlich stabil, quer durch Sprachen und Jahrhunderte.

1652: Danckwerth versucht „Halligland“

Der erste, der sich gegen diesen Konsens stellt, ist 1652 Caspar Danckwerth in einer Helgoland-Beschreibung. Sein Vorschlag: Helgoland sei eigentlich Halligland, also eine Wattenmeer-Insel ohne Deiche, vergleichbar mit den nordfriesischen Halligen. Der Bremer Theologe Bötticher übernimmt das in seiner Nachricht von der Insel Helgelandt von 1699 mit dem Zusatz, die Helgoländer Mundart verwandle „in den meisten Wörtern das a in e“, daraus sei Helligland geworden. Das klingt zunächst hübsch, scheitert aber an einem einfachen Befund: keine einzige historische Quelle bezeugt eine Form mit a in der ersten Silbe. Die Halligland-These bleibt deshalb sprachgeschichtlich ohne Substanz, auch wenn sie sich bis ins 20. Jahrhundert hartnäckig hält. 1912 vertritt sie noch der Pastor Schmidt-Petersen.

1909: Theodor Siebs und das „hohe Land“

Der ernsthafte Gegenentwurf kommt 1909 mit Theodor Siebs, dem bedeutendsten Helgoland-Sprachforscher seiner Zeit. In seinem Werk Helgoland und seine Sprache argumentiert er so: Die Helgoländer haben für ihre Insel überhaupt keinen eigenen Namen mehr. Sie sagen deät Lun oder iip deät Lun („das Land“, „auf dem Land“), und sich selbst nennen sie Halunder oder Haluner. Aus der Eigenbezeichnung muss sich also eine zugrundeliegende Form *Halun rekonstruieren lassen. Und mit einem „Heiligland“ sei diese Form schwer zu vereinen, weil ein altfriesisches thet helige lond sich nicht zu halun entwickeln würde.

Siebs schlägt darum eine andere Quelle vor: thet halik lond, also „das hochliche Land“, ein altfriesisches Pendant zum altenglischen healic („hoch“). Eine vergleichbare Form sei im saterfriesischen Ortsnamen halk ouger („hohes Ufer“) erhalten. Adam von Bremen habe das Wort dann als „heiliges Land“ missverstanden, was bei seiner Etymologie-Begeisterung nicht weiter verwundere.

Der Vorschlag setzt sich durch. Sechzig Jahre lang ist „hohes Land“ in Sprachhandbüchern der akzeptierte Stand.

1968: Krogmanns sechsseitige Antwort

Der Bruch kommt im Januar 1968. Im Helgoländer Nr. 41 erscheint posthum ein Aufsatz von Willy Krogmann unter der Überschrift Der Name Helgoland. Krogmann hatte 1957 das erste wissenschaftliche Halunder-Wörterbuch vorgelegt und war einer der Sprachforscher, denen das halbe Halunder-Schrifttum vor 1980 zu verdanken ist. Er zitiert zunächst Siebs ausführlich, dann zerlegt er die These Stück für Stück.

Sein erster Einwand: Siebs habe behauptet, ältere helgoländische Belege des Namens fehlten. Das stimme nicht. Schon 1643 schreibt der Schlesier Joachim Knobloch, der zur Zeit der Niederschrift seines Buches Helgolandia als Hauslehrer auf der Insel lebte:

„Helgoland / Helgerland / Hilgeland vnnd Hilligeland / so die Landleuthe auff jhre Sprache Helgelund aussagen.“

— Joachim Knobloch, Helgolandia 1643, zit. nach Krogmann 1968

Die Insulaner selbst sagten also Helgelund, mit e in der ersten Silbe. Auch Bötticher 1699 belegt das, wenn er von der Insel berichtet, sie heiße bei den Einheimischen Helgelandt. Die Form mit a, die Siebs als Ausgangspunkt nimmt, ist nach Krogmann eine sehr viel jüngere Entwicklung.

Warum aus Helgelund Halunder wurde

Krogmanns wichtigster Punkt ist phonetischer Natur. Das Wort Halunder trägt den Akzent nicht auf der ersten, sondern auf der zweiten Silbe: Halún-der. Wenn ein e in einer vortonigen Silbe steht, geht es im Helgoländischen sehr regelmäßig zu a über. Krogmann führt dafür ein zweites Beispiel an: den Flurnamen Salthuurn für „Südhorn“. Bötticher schreibt ihn 1699 noch als Setthorn, ein halbes Jahrhundert später erscheint er bei Laß bereits als Sathorn. Die gleiche Verschiebung in vortoniger Silbe.

Im selben Zeitraum wird aus Helunder dann Halunder. Der Buchstabenwechsel ist also kein Mysterium, sondern ein wiederkehrendes Muster der Insel-Phonetik.

Der Beweis aus der Nachbarschaft

Krogmann setzt einen zweiten Hebel an, der bei Siebs ganz fehlt. Wie nennen eigentlich die anderen nordfriesischen Inseln Helgoland? Sylt sagt Heliglön, mit helig = „heilig“. Amrum und Föhr sagen at Halleglunn, mit halleg = „heilig“ (einem frühen Lehnwort aus dem Niederdeutschen hillig). Auf der Wiedingharde heißt Helgoland Helliloin, abgeleitet von helli = „heilig“. Drei Schwester-Mundarten, drei mal „heilig“. Eine Etymologie, die nur in Helgoland selbst sinnvoll wäre und in allen Nachbarsprachen nicht funktioniert, müsste sehr gute Gründe haben, um zu überzeugen. Bei Siebs sieht Krogmann diese Gründe nicht.

Der heutige Stand

Nils Århammar, Krogmanns akademischer Nachfolger und seit 1974 durch seine Reihe „Halunder Spreek“ im Helgoländer der prägendste Halunder-Forscher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, diskutiert die Etymologie nicht mehr offen. Er bezeichnet die Insulaner schlicht als Halunder, in der Aussprache älterer Helgoländer auch Holünder, und setzt voraus, dass die Diskussion entschieden ist. „Heiliges Land“ ist seit Krogmann der unwidersprochene Stand.

Bleibt die Frage, was „heilig“ um 1050 eigentlich meinte. Adam von Bremen selbst gibt einen Hinweis: er erzählt in derselben Kirchengeschichte von einem Mönch namens Liutbert, der die heidnischen Bräuche der Insel beenden wollte, vor allem das kultische Schaf-Tabu. Das deutet darauf hin, dass die Insel schon vor der Christianisierung ein geweihter Ort war, kein „heilig“ im späteren kirchlichen Sinn, sondern im älteren germanischen: tabu, unverletzlich, dem Stamm gehörig. Wenn das stimmt, ist der Name nicht ein christliches Etikett von außen, sondern eine Selbstbezeichnung der vorchristlichen Inselbewohner.

Im Halunder-Wörterbuch findet sich heute beides nebeneinander: deät Lun als alltägliche Selbstbezeichnung und Halunder, das durch fünf Jahrhunderte mündliche Tradition und drei Jahrhunderte Streit gegangen ist, bis es seit den 60er Jahren als das galt, was es im Ursprung sehr wahrscheinlich immer war: das heilige Land.

Quelle: Hauptquelle: Willy Krogmann, „Der Name Helgoland“, Der Helgoländer Nr. 41, Januar 1968, Seite 5. Sekundär: Nils Århammar, „Halunder Spreek“, Der Helgoländer Nr. 125, Dezember 1974.