Im Januar 1988 stand auf Helgoland ein kleines, rotes Buch auf den Auslagen, das es bis dahin nicht gegeben hatte: ein echtes Lehrbuch für die eigene Sprache der Insel. Wi lear Halunder, 175 Seiten, vom Museumsverein herausgegeben, geschrieben in drei Jahren Arbeit von Mina Borchert zusammen mit Ritva und Nils Århammar. Bis heute ist es das Standardlehrwerk. Wer Halunder lernen will, fängt damit an. Und ohne dieses Buch gäbe es weder den digitalen Wörterbuch-Korpus noch den neuronalen Übersetzer in seiner heutigen Form.
Was es vorher nicht gab
Vor 1988 hatten Helgoländer, die ihre Sprache lernen oder nachschlagen wollten, vier brauchbare Quellen. Theodor Siebs' Standardwerk Helgoland und seine Sprache von 1909, eher Grammatik für Linguisten als Lehrbuch für Lernende. Willy Krogmanns Helgoländisches Wörterbuch (1957 begonnen, postum fortgeschrieben), das die Wortbestände dokumentierte. James Packroß' Märchen-Sammlung Fan Boppen en Bedeeln, die literarische Lesestücke bot. Und die Spalten im Helgoländer, in denen Århammar seit 1974 die Reihe „Halunder Spreek" betreute.
Was fehlte, war das, was jede Sprache braucht, die wieder gelernt werden soll: ein Lehrwerk mit klarem Aufbau, Aussprachehilfen, Grammatik-Sektionen, Übungen, Beispielsätzen. Mina Borchert unterrichtete seit 1975 an der Volkshochschule Halunder, anfangs mit dem Packroß-Märchenbuch als einziger Stütze. Sie wusste genau, was ihren Schülern fehlte.
Drei Jahre Arbeit, drei Hände
Die Arbeitsteilung war pragmatisch. Borchert lieferte die Muttersprachlerin, die Schreibweise, die idiomatische Genauigkeit, die Beispielsätze, die im Mund einer Helgoländerin tatsächlich klingen. Nils Århammar war der akademische Lektor, sein Marburger Friesistik-Hintergrund machte die Grammatik-Sektionen wissenschaftlich tragfähig. Ritva Århammar steuerte die lexikographische Akribie bei, die sich später in ihren eigenen Halunder-Wörterbüchern fortsetzte.
Herausgeber war der Museumsverein Helgoland. Keine wissenschaftliche Reihe, kein Universitätsverlag, kein Förderprogramm einer Kultusbehörde. Eine Insel-Vereinigung legt das Geld zusammen, druckt das Buch, verteilt es. Es ist ein typisches Helgoländer Muster: wenn etwas getan werden soll, machen es die Insulaner selbst.
Das Vorwort, das nicht altert
Im Vorwort zur Buchvorstellung im Helgoländer Nr. 282 (Januar 1988) heißt es:
„Früher war es üblich, daß die kleinen Insulaner Helgoländisch im Elternhaus als Muttersprache erlernten. Aber im Laufe der Zeit waren es immer weniger Familien, die ihrem Nachwuchs das Helgoländisch mit auf den Weg gaben. Helgoländisch sprechende Kinder und Jugendliche sind weitaus in der Minderzahl und leicht an der Hand abzuzählen. Fast nur noch die alten Helgoländer unterhalten sich in ihrer Sprache. Die Kenntnisse bei den Jüngeren beschränken sich in der Regel auf den Spruch zum Wünschen am 1. Januar. Wenn die Sprache nun nicht besonders gepflegt wird, ist sie in wenigen Jahren im wahren Wortsinne ausgestorben."
Lies das noch einmal mit dem Wissen, dass das vor 38 Jahren geschrieben wurde. Jede Zeile hat seither nichts an Aktualität verloren. Wenn die Vitalitätsstudie 2026 etwas bestätigt hat, dann genau diesen Befund (siehe Forschungsseite): die Sprache wird kaum noch zu Hause weitergegeben, in den Klassen 5 bis 7 der James-Krüss-Schule spricht aktuell kein einziges Kind muttersprachlich.
Das Buch + die Schulrückkehr
Parallel zum Lehrbuch-Projekt setzte Borchert noch eine zweite Sache durch. Seit Januar 1985 lief an der James-Krüss-Schule wieder Halunder-Unterricht in den Klassen 1 bis 4. Schulleiter Dr. Thomas Ernst hatte sich darauf eingelassen. Das Lehrbuch von 1988 wurde sofort dort eingesetzt. Bettina Köhn übernahm später Borcherts Schulstunden, bis der Unterricht 2019/2020 mangels Nachfolge auslief.
Wer heute die zehn häufigsten Halunder-Grammatik-Konstruktionen nachschlagen will (Pronomen, Verb-Beugung, das doppelte Genus de/deät/dat, die Apostroph-Klitika wie uun 'e oder iip 'e), findet sie genau in der Reihenfolge, in der Borchert und Århammar sie 1988 nebeneinandergestellt haben.
Plädoyer für Zweisprachigkeit
Was den Helgoländer-Aufsatz von 1988 bemerkenswert macht, ist nicht der Sterbe-Diagnose-Teil. Sondern das zweite Drittel: ein nüchternes Plädoyer für Zweisprachigkeit, beginnend im Kindergarten. Borchert und Århammar argumentieren, dass Helgoländisch und Hochdeutsch nicht miteinander konkurrieren müssen, sondern sich gegenseitig stützen, wenn Kinder beide früh parallel hören. Das war 1988 in Deutschland weit von der bildungspolitischen Norm entfernt. Heute ist es Forschungs-Konsens.
Was bleibt
Wi lear Halunder ist seit dem Erscheinen nie groß überarbeitet worden. Die Auflage ist klein, das Buch nur über den Museumsverein und gelegentlich im Buchhandel auf Helgoland zu bekommen. Wer es heute aufschlägt, sieht ein Layout der späten 80er, aber die Inhalte sind so präzise, dass die meisten Halunder-Materialien auf halunder.ai (vom Wörterbuch bis zur Orthographie-Konvention) sich direkt darauf zurückführen lassen.
Eine geplante Sprachkassette zum Buch, die die Aussprache dokumentieren sollte, kam 1988 nicht zustande und ist seitdem nicht nachgeholt worden. 38 Jahre später baue ich an einer neuronalen Sprachausgabe, die diese Lücke schließen soll. Mit denselben Aufnahmen, die Borchert damals einsprechen wollte. Es gibt eine kurze Liste an Werkzeugen, ohne die ich halunder.ai nie hätte bauen können. Wi lear Halunder ist eines davon.
Quelle: Der Helgoländer Nr. 282, Januar 1988: „»Wi lear Halunder«: Ein Rettungsversuch fürs Helgoländische“. Herausgeber: Museumsverein Helgoland.
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