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Sonderausgabe · 200 Jahre Seebad

200 Jahre Seebad Helgoland: was passierte mit der Sprache?

· 9 min1Am 1. Juli 1826 stellte der Schiffszimmermann Jacob Andresen Siemens sechs Badekarren an den Strand und gründete damit das Seebad Helgoland. Seine eigenen Leute lachten ihn aus: „Djoap Andreesen, di snakkes uk lütter Skit!“ Zweihundert Jahre später ist klar, was der Tourismus auf die Insel gebracht hat. Was er mit dem Helgoländischen gemacht hat, ist die schwierigere Frage.

Es ist das Jahr 1825, Spätsommer auf Helgoland. Auf der Hafenmole stehen ein paar Lotsen und Fischer und beschnacken einander ihren Kummer. Die englische Flagge weht über der Insel, seit der König von Dänemark sie 1814 abgetreten hat. Die fetten Schmugglerjahre unter der englischen Kontinentalsperre, in denen viele Insulaner reich wurden, sind vorbei. Im Helgoländer Nr. 23 (Juli 1966) hat ein anonymer Halunder-Autor die Szene festgehalten:

„Wat sen deät blooat feer Tiden! Keen Skepfoart en keen Feskerai! Uun Lunskas es peegel-lee Weeter, en med ledi Boalkem en ledi Tenn gung wi de Wonter uundjin. Wan deät no loang uunhalt, es deät Lun baal salow en Skep uun Strun!"

„Was sind das nur für Zeiten! Keine Schifffahrt und keine Fischerei! In der Inselkasse ist spiegelblanker Wasserstand, und mit leeren Balken und leeren Tonnen gehen wir auf den Winter zu. Wenn das noch lange so weitergeht, ist die Insel bald selber ein Schiff auf Strand!"

Halunder-Erzählung über die Bade-Gründung, Helgoländer Nr. 23, Juli 1966

Wie kam man 1825 überhaupt nach Helgoland?

Wenn ein Hamburger Kaufmann sich 1825 in den Kopf setzte, einmal nach Helgoland zu fahren, wartete eine wochenlange Operation auf ihn. Es gab keine Linie, keinen Fahrplan, kein einziges Schiff, das regulär zur Insel fuhr. Wer wollte, musste sich in Cuxhaven oder an der Elbmündung eine Segelschaluppe mieten und auf günstigen Wind hoffen. Bei steifer Brise dauerte die Überfahrt anderthalb Tage, bei Flaute eine Woche, bei Sturm gar nicht. Es war Sache von einigen wenigen Privilegierten: ein paar Hamburger Adlige, ein paar Reedereiherren, gelegentlich ein Naturforscher. Auf der Insel selbst lebten etwa 2.300 Menschen, ausschließlich von Lotsen, Fischen, Hummerfang und dem, was die englische Verwaltung an Verwaltungsstellen bot. Eine touristische Infrastruktur gab es nicht, weil es keine Touristen gab.

Vereinzelte Erholungssuchende kamen schon vor Siemens: 1797 hatte die Ostseeinsel Norderney das erste deutsche Nordsee-Seebad eröffnet, Doberan war noch früher dran. Ein paar Hanseaten ließen sich auf Helgoland in Privatzimmern einquartieren und badeten unten an der Düne, ohne Bademaschinen und ohne Aufsicht. Mehr als ein paar Dutzend solcher Privatgäste pro Sommer waren es nie. Die Insel war für die Welt damals vor allem ein militärischer Punkt in der Nordsee, kein Erholungsort.

Der verspottete Schiffszimmermann

Mitten in dieser Krise lebt auf Helgoland ein Schiffszimmermann namens Jacob Andresen Siemens, geboren 1794. Er hat in Altona gelernt und ist auf großen Segelschiffen über die halbe Welt gefahren. Jetzt baut er auf seiner Insel Sluupen für die immer weniger werdenden Fischer. Siemens sieht, was kommt, und er sieht auch, was helfen könnte. Aber als er auf der Mole davon anfängt, lachen ihn seine Kameraden aus. Erna Claasen-Denker hat die Szene 1951 in einem Halunder-Gedicht festgehalten, das sie für das Mitteilungsblatt für Hallunner Moats schrieb. Das Gedicht ist nach der Bombardierung der Insel im Exil entstanden:

„Deät Lun mut Bad wür, deät es kloor!" De Kaaremen loachet: „Di bes da wel! Wets uk dan, wear 't Djül fandan keem skel? Wi hoa sallow niks tu bitten en breeken, welk betoalt noaheer dan de groot Reeken?"

„Die Insel muss zum Seebad werden, das ist klar!" Die Kameraden lachten: „Du bist ja nicht ganz dicht! Weißt du auch, woher das Geld kommen soll? Wir haben selbst nichts zu beißen und zu brechen, wer bezahlt nachher die große Rechnung?"

Erna Claasen-Denker, „Djoap Andreesen Siemens (125 Djooar turäi)“, 1951

Und dann der Vorwurf, den jeder Helgoländer kennt: „Djoap Andreesen, di snakkes uk lütter Skit!" wörtlich „Djoap Andresen, du redest auch nur Mist!". Siemens läuft an der Düne entlang, sieht den weißen Strand und die seichten Buchten und sagt:

„Bi Oos mut Ketsken hen fer de Fremmen tu boaden, deät es fer 't Lun uk wüs ni fan Skoaden."

„Bei Oos müssen Karren stehen für die Fremden zum Baden, das wird der Insel nicht schaden."

Jacob Andresen Siemens, nach Claasen-Denker 1951

1826: sechs Karren, hundert Gäste

Am 1. Juli 1826 stellt Siemens sechs Badekarren am Strand auf. Daneben ein hölzernes Häuschen, ein Bade-Komitee. Die Aktionäre haben 2.000 Mark Courant zusammengelegt; am Ende des ersten Jahres steht ein Fehlbetrag von 1.300 Mark Courant in den Büchern. Im Helgoländer Nr. 23 schreibt der anonyme Halunder-Autor 1966 dazu trocken weiter:

„Iip Djoap Siemens siin Werk raut en Seägen. Mani fiin Liden en groot Gelearten keem hiir djooart en streäwe fan ii letj roar Lun, en 1841 skreft Hoffmann von Fallersleben hiir deät Leet ‚Deutschland, Deutschland über alles'."

„Auf Djoap Siemens' Werk ruht Segen. Viele feine Leute und große Gelehrte kommen durch und schwärmen von dem kleinen schönen Land, und 1841 schreibt Hoffmann von Fallersleben hier das Lied ‚Deutschland, Deutschland über alles'."

Helgoländer Nr. 23, Juli 1966, Halunder-Spreek-Sektion

Ab 1834, also acht Jahre nach Bade-Gründung, fahren auf Anregung Siemens regelmäßige Dampfer im Sommer mit Badegästen von Hamburg zur Insel. Das war die eigentliche Revolution: Eine Fahrt, die vorher eine Woche dauerte und Glücksspiel war, ließ sich jetzt in zehn Stunden mit Fahrkarte und Sitzplatz erledigen. Siemens kümmert sich nicht nur um Karren und Bäder, sondern auch um Hafenverbindungen aufs Festland und um die Helgoländer Lotsen. 1835 verfasst er eine Schrift Die Insel Helgoland vor ihrem bevorstehenden Untergang, ein Hilferuf an die reichen Hamburger Kaufleute. 1849 stirbt er, 55 Jahre alt, in London, wohin er gereist war, um sein Recht bei der englischen Verwaltung einzuklagen.

1925: elf Tage Heuschnupfen, die die Atomphysik veränderten

Hundert Jahre nach den ersten Bade-Karren ist Helgoland nicht nur ein Helgoländer Sommerziel, sondern auch eine wissenschaftliche Adresse. Vom 8. bis 18. Juni 1925 quartiert sich auf dem Oberland am Falm ein 23-jähriger Göttinger Physiker ein. Er hat schweren Heuschnupfen und sucht in der pollenarmen Seeluft Linderung. Sein Quartier ist die Villa Redell, ein Fremdenheim, das zwischen Hotel Fernsicht und Hotel Stadt Wiesbaden liegt. Der junge Mann heißt Werner Heisenberg. In den elf Tagen seines Helgoland-Aufenthalts findet er die mathematische Form, mit der sich die widersprüchlichen Beobachtungen der Atomphysik endgültig fassen lassen. Er schreibt das Carl Friedrich von Weizsäcker später so:

„In Helgoland war ein Augenblick, in dem es mir wie eine Erleuchtung kam, als ich sah, dass die Energie zeitlich konstant war. Es war ziemlich spät in der Nacht. Ich rechnete es mühsam aus, und es stimmte. Da bin ich auf einen Felsen gestiegen und habe den Sonnenaufgang gesehen und war glücklich. Geschlafen habe ich eigentlich gar nicht. Ein Drittel des Tages habe ich die Quantenmechanik ausgerechnet, ein Drittel bin ich in den Felsen herumgeklettert und ein Drittel habe ich Gedichte aus dem West-Östlichen Divan auswendig gesprochen."

Werner Heisenberg, zitiert nach Dr. Kathrin Hüppop, Helgoländer Nr. 429, Juli 2000

Zurück in Göttingen schreibt Heisenberg das Manuskript bis Juli 1925 fertig („Über quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen"), Einstein kommentiert die Arbeit mit dem berühmten Satz „Heisenberg hat ein großes Quantenei gelegt", und 1932 bekommt der Helgoland-Gast den Nobelpreis. Die Villa Redell selbst hat den Untergang Helgolands nicht überstanden: kein einziges Wohnhaus der Insel überstand den großen Bombenangriff vom 18. April 1945 und die britische Sprengung am 18. April 1947. An der Stelle, an der die Villa einst stand, befindet sich heute das Hotel auf den Hummerklippen; zwischen 2004 und 2011 lief im Erdgeschoss das Ristorante Bella Vista. Seit September 2025 erinnert an der gleichen Stelle ein Gedenkschild der Heisenberg-Gesellschaft e.V. München an die elf Tage von 1925, mit Foto des jungen Heisenberg und einer historischen Aufnahme der Villa Redell aus derselben Zeit. Das Schild beginnt mit den Worten:

„An dieser Stelle stand einst die Villa Redell, in welcher der junge Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) vom 8. bis 18. Juni 1925 Quartier bezog, um sein Heuschnupfenleiden zu lindern. Während des Aufenthalts gelang ihm ein wichtiger Schritt zur Begründung der Quantenmechanik."

Gedenkschild der Heisenberg-Gesellschaft e.V., München, aufgestellt September 2025
Gedenkschild am Hotel auf den Hummerklippen, Helgoland. Glas-Schild mit Foto des jungen Werner Heisenberg (1925) und einer historischen Aufnahme der Villa Redell von ca. 1925. Aufgestellt von der Heisenberg-Gesellschaft e.V. München im September 2025.
Das Gedenkschild am heutigen Hotel auf den Hummerklippen. Mit Heisenberg-Porträt von 1925 und einer Aufnahme der nicht mehr existierenden Villa Redell aus derselben Zeit.

Wer heute am Hotel auf den Hummerklippen vorbeiläuft und das Schild liest, steht an einer Adresse, die nur deshalb je existiert hat, weil ein Schiffszimmermann hundert Jahre vor Heisenbergs Aufenthalt die Idee hatte, sechs Karren an den Strand zu stellen.

1926: hundert Jahre, vierzigtausend Gäste

Am 9. August 1926 steht in Helgoland die ganze Inselbevölkerung vor dem frisch enthüllten Siemens-Denkmal, das ein Künstler aus der Vorstellung modellieren musste, weil von Siemens kein Bild und keine Zeichnung existiert. Der Schensky-Fotograf hält den Tag fest. Aus den sechs Badekarren von 1826 sind 40.000 Badegäste pro Jahr geworden.

Das Jacob-Andresen-Siemens-Denkmal in Helgoland. Steinrelief eines Schiffszimmermanns mit Hand vor den Augen, dahinter eine Tafel mit den Lebensdaten. Bodenplatte unten mit Inschrift zur Gründung des Seebades 1826, Zerstörung im Krieg, Wiederrichtung 1967. Blühende rote Geranien davor.
Das Siemens-Denkmal heute, an der Kurpromenade vor dem Schwimmbad. Bodenplatte: „Jacob Andresen Siemens · 1794-1849 · Gründete 1826 das Seebad Helgoland · Enthüllt am 9.8.1926 · Zerstört 1939-1945 · Wiedererstellt 3.5.1967."

Im selben Jahr 1926, am 31. Mai, ist mitten in dieser Festwoche James Krüss zur Welt gekommen. Er erinnert sich später in seiner Festrede zum 50. Geburtstag 1976:

„Mein Obergroßvater (der vom Oberland der Insel, ein Hummerfischer und Hummerhändler) schickte in jenem Jahr die sackvernähten Flechtkörbe mit Hummern in Seetang und Eis direkt ans Adlon nach Berlin; und mein Untergroßvater (der vom Unterland, Hausmeister der Biologischen Anstalt) verplombte die Enden der Schnüre, mit denen man die Hummerzangen fesselte, für den Export."

James Krüss, Festrede zum 150-jährigen Seebad-Jubiläum und eigenen 50. Geburtstag, Helgoländer Nr. 144, Juli 1976

Was die Karren mit dem Halunder machten

Brutkolonie von Trottellummen auf dem roten Buntsandstein des Lummenfelsens. Hunderte schwarz-weiße Vögel sitzen dicht gedrängt auf den schmalen Felsabsätzen.
Die Trottellummen-Kolonie am Lummenfelsen. Helgoland ist die einzige deutsche Felsen-Seevogelinsel und der südlichste Brutplatz dieser Art weltweit. Heute eine der Haupt- Sehenswürdigkeiten der Insel.
Touristen am Aussichtspunkt des Lummenfelsens. Im Vordergrund ein roter Pflastersteinplatz mit Geländer, dahinter blickend auf eine große Kolonie weißer Basstölpel auf den Felsabsätzen. Blauer Himmel, ruhiges Meer.
Dieselbe Stelle, andere Hälfte des Bildes: Tagesgäste am Aussichtspunkt. Die weißen Vögel im Hintergrund sind Basstölpel, die seit 1991 in zunehmender Zahl am Lummenfelsen brüten. Wo die Lotsen früher Halunder sprachen, stehen heute Touristen mit Kameras.

Soweit die Insel-Geschichte. Die Frage ist die andere, kniffligere: Was machten 100 Badegäste 1826, 40.000 im Jahr 1926 und eine halbe Million Tagesgäste am Ende des 20. Jahrhunderts mit der Sprache, die zwischen Lotsen, Fischern und Schmugglern entstanden war? Theodor Siebs schreibt 1909 in Helgoland und seine Sprache, dass die Inselbevölkerung im 19. Jahrhundert weitgehend zweisprachig wurde. „Im Jahre 1919", konstatiert Krüss in seinem GEO-Bericht von 1985 nüchtern, „sprachen noch 2.000 Insulaner, also fast alle, helgoländisch, aber deutsch dazu."

Krüss ist der erste, der den Zusammenhang zwischen Tourismus und Sprachrückgang systematisch beschreibt. Er nennt das den frömmenfekear, den „frömmelisierten Fremdenverkehr". Aber er sagt auch etwas Überraschendes: bis 1939 habe die Saison-Begrenzung das Halunder geschützt:

„Aber der Fremdenverkehr war begrenzt: auf die Zeit vom 1. Mai bis zum 1. Oktober. Sieben Monate lang lebte die Insel ihr eigenes Leben, das begleitet, kommentiert, gewürzt, ja getragen wurde vom helgoländischen Friesisch."

James Krüss, GEO Nr. 4, April 1985, S. 178

Krüss beschreibt die Festland-Damen, die seine Familie als „Tante" anredete, eine Frau Marx aus Köln, eine Frau Meier aus Harburg, die jeden Sommer zwischen Mai und Oktober ins Haus seiner Urgroßmutter einquartiert waren. Kleinkindfotos zeigen ihn auf ihrem Arm. „Nicht wenige von ihnen wurden zu Freunden." Die Insel blieb dabei sprachlich auf sich selbst. Erst zwei Entwicklungen knickten das ein: die Festland-Sprache der deutschen Soldaten zwischen 1939 und 1945. Und der Ganzjahres-Tourismus nach der Wiederbesiedlung 1952.

„Geschäft mit der Registrierkasse"

Krüss' bitterste Diagnose betrifft den heutigen Charakter des Tourismus. Im GEO-Text vom April 1985 schreibt er:

„Einer der Gründe für den Rückgang des Helgoländischen ist, dass es nicht mehr benötigt wird. Für das Geschäft mit dem Tourismus, bei dem ja das Anschlagen der Registrierkasse zur wichtigsten Sprache wird, ist es ohnehin überflüssig."

James Krüss, GEO Nr. 4, April 1985, S. 180

Diejenigen, die das Halunder am stärksten beherrschten und prägten, waren die Lotsen, Fischer und Schiffer. Die alten Männer, die vor den Türen saßen und Netze knüpften. „Heute, in den neuen Häusern, die ja alle erst nach der Rückgabe der Insel durch die Engländer am 1. März 1952 gebaut sind, klingt hingegen das Helgoländische nicht selten provinzlerisch altmodisch, beinahe fremd." Das schreibt ein Mann, der die alte Insel noch gekannt hat.

Zwei Wörter, die fast alles erklären

Krüss nennt im GEO-Text zwei Halunder-Wörter, an denen sich das Drama festmachen lässt. Das erste ist luukerkäss, wörtlich „Guckkasten", mit Bedeutung „Fernsehapparat". 1985 schreibt Krüss, die meisten jungen Insulaner würden das Wort nicht mehr erkennen. Das zweite ist memmenspreek, „Muttersprache", wörtlich, im Genitiv-Plural, „Müttersprache". Eine Sprache, die nicht von einer Mutter, sondern von vielen Müttern kommt. Eine Sprache, die sich, anders als das deutsche Muttersprache, ihre Trägerinnen in den Plural setzt.

Wer das Wort kennt, schreibt Krüss, weiß auch, was er verliert. Wer das Wort nicht kennt, kann den Verlust nicht beklagen.

200 Jahre später

Am 6. Juni 2026 feiert das Seebad Helgoland sein 200-jähriges Bestehen. Sechs Karren sind zu rund 300.000 Übernachtungen und einer halben Million Tagesgäste pro Jahr geworden. Das alte Halunder, das in den Booten der Lotsen und in den Netzknüpf-Stuben vor den Türen entstanden ist, hat heute nach unserer Vitalitätsstudie rund 100 aktive Sprecher. Die Geschichte zwischen 1826 und 2026 lässt sich kürzer fassen: Was Siemens 1826 für die Insel rettete, hat zweihundert Jahre später die Sprache, in der er auf der Mole sprach, an den Rand gebracht.

Erna Claasen-Denker, die 1951 das Siemens-Gedicht schrieb, endete ihre Verse mit einem Halunder-Satz, der heute am 200. Geburtstag besser passt als 1951:

Soo hat deät Bad, wiil iaan Man deät betoch, deät Lun eewi Djül en de Fremmen Sinhait broch. Dear wel wi am teenk en 'et oalsni ferdjit: De Man hat Djoap Andreesen Siemens hit!

So hat das Bad, weil ein Mann es bedachte, dem Land ewig Geld und den Fremden Gesundheit gebracht. An den wollen wir denken und ihn nie vergessen: der Mann hieß Djoap Andresen Siemens!

Erna Claasen-Denker, 1951

Was Claasen-Denker nicht ahnen konnte: Das eine wollte ohne das andere nicht sein. Das Geld der Fremden hat dem Wörterbuch am Ende den Boden entzogen, aus dem es seine Wörter holte. Aber ohne das Bad gäbe es heute weder die Schule noch die Häuser noch die 1.300 Menschen, die auf Helgoland leben. Siemens' Idee hat die Insel am Leben gehalten und ihr zugleich die Stimme genommen, in der sie ursprünglich sprach. Das ist die Doppel-Bilanz nach 200 Jahren.

Verwandte Beiträge: Hundert Jahre James Krüss; Der Streit um den Namen Helgoland. Hintergrund zur Sprache: Über das Halunder; Vitalitäts-Studie unter Forschung.

Quelle: Hauptquellen: Erna Claasen-Denker, „Djoap Andreesen Siemens (125 Djooar turäi)“, aus dem Mitteilungsblatt für Hallunner Moats Nr. 32/33 (Mai/Juni 1951), nachgedruckt im Helgoländer Nr. 449, November 2001. Halunder-Erzählung über die Bade-Gründung im Helgoländer Nr. 23, Juli 1966. Festrede James Krüss zum 150. Bad-Jubiläum, Helgoländer Nr. 144, Juli 1976. Helgoländer Nr. 429, Juli 2000 (Sternstunde der Physik, Dr. Kathrin Hüppop). James Krüss, „Eine Sprache verstummt“, GEO Nr. 4, April 1985.