Es ist Neujahr, etwa 1929. In der Husumer Straße auf Helgoland kommt der Klempnerlehrling Ludwig Krüss zum Gratulieren bei Familie Dähn herein. Zum ersten Mal hat er seinen kleinen Sohn dabei, einen Zwei- oder Dreijährigen, der „rang iip siin letj Bean" steht, also wacklig auf den Beinen. Maria Leitgeber-Dähn, damals dreiundzwanzig, beschreibt ihn dreißig Jahre später in einem Brief:
„Oo nün, en letj kosboor Knech. Oogen es bli Speegelaier en de heele letj Hoad fol fan krüs Hear, mus-sooi lütter letj wit Hölkers."
„Oh, was für ein kostbarer kleiner Kerl. Augen wie blaue Spiegeleier, und der ganze Kopf voll Locken, wie lauter kleine weiße Schnecken."
Das ist die früheste Beschreibung von James Krüss, die je jemand aufgeschrieben hat. Der Vater Ludwig schiebt nach:
„Deät dear letj Diirt, soo rech loop wel hi do no ni, blooat snakken dait hi es en Afkoat."
„Der kleine Lümmel, so richtig laufen will er noch nicht, aber reden tut er schon wie ein Advokat."
Der Kopf voll Schnecken
Im hundertsten Jahr nach seiner Geburt erinnert die deutsche Presse an James Krüss als den großen Kinderbuchautor von „Timm Thaler", „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen", den Hans-Christian-Andersen-Preisträger. Die FAZ vom 26. Mai 2026 widmet ihm einen halbseitigen Beitrag von Fritzi Offermann zur Peretti/Voss-Biografie aus dem Atrium-Verlag. Die Überschrift ist treffend gewählt: Freundlich in bösen Zeiten. Wer Krüss aber von der Insel her kennt, kennt einen anderen: den Helgoländer Sprecher, den Sprach-Bewahrer, den 22-jährigen Schriftleiter im Exil. Die Quellen dazu liegen in einem schmalen Heft aus dem Jahr 1948, in einer Geburtstagsrede von 1976 und in einer Reportage aus dem Jahr 1985. Sie zeichnen ein anderes Bild.
15. August 1948: ein 22-Jähriger gründet eine Sprache neu
Drei Jahre nach dem „Big Bang", der Sprengung von Helgoland am 18. April 1947, leben rund 3.000 Helgoländer verstreut über mehr als sechzig Zufluchtsorte des Festlandes. Im Sommer 1948 erhält der gerade examinierte Lehrer James Krüss aus Reinbek bei Hamburg als Erster in Schleswig-Holstein die britische Lizenz Nummer 1 für eine Vereinszeitschrift. Am 15. August 1948 erscheint das erste Heft des Mitteilungsblatts für Hallunner Moats, vier Seiten, gedruckt bei Th. Wree in Flensburg. Auf der ersten Seite steht ein programmatischer Satz:
„Es will die Helgoländer Sprache, die schon auf der Insel manches ihr Ungemäße aufnahm und besonders jetzt unter dem Einfluß des Hochdeutschen viel von ihrer Eigenart zu verlieren droht, lebendig und lauter erhalten."
Auf Seite drei desselben Heftes steht Krüss' eigene erste Veröffentlichung in der Muttersprache. Die Erzählung Rickemer Andrees handelt von einem Helgoländer Jungen, der siebzehnjährig in den Krieg eingezogen wird und während der Flüchtlingstreks an der Elbe ertrinkt. Sie ist nicht kinderliterarisch, sondern dunkel und biografisch eingefärbt. Krüss war 1941 in Arnstadt umgesiedelt worden, hatte den Krieg als Luftwaffensoldat erlebt. Er schreibt das in der Sprache seiner Familie auf, kurz nach Kriegsende. Auf derselben Seite druckt er einen Vers von Arnold Rickmers ab, einen kleinen Aufruf zur Sprach-Treue im Exil:
„De Halunders mutt med herrem Kinner en Wüffen, din ne van't Lunn senn, Halunder snakker."
„Die Helgoländer müssen mit ihren Kindern und Frauen, die nicht von der Insel sind, Helgoländisch sprechen."
Wann Krüss aufhörte, „Politiker" zu sein
Diese ersten Hallunner-Moats-Hefte sind politisch in einem Sinn, der heute schwer rekonstruierbar ist. Am 2. August 1949 schreibt Krüss einen offenen Brief an den britischen General Robertson, der das Bombardement der Insel aufrechterhält. Die Forderung ist Wiederbesiedlung, nicht Loslösung. „Den Wert dieser Insel für die Schiffahrt, für die Wissenschaft und für die Erholung Tausender Kranker werden auch Sie bestätigen müssen, Herr General", endet der Brief. Krüss redigiert das Blatt bis zur Nummer 100 im Jahr 1956, „zunächst" jedenfalls, wie Nils Arhammar dreißig Jahre später vorsichtig formuliert. Im selben Jahr 1949 trifft Krüss in München Erich Kästner und beginnt, Kindergedichte zu schreiben. Das politische Engagement geht in der Schriftstellerei auf.
31. Mai 1976: „nä jaansmoäl fan et Lun"
Zu seinem 50. Geburtstag lädt die Gemeinde Helgoland Krüss zurück auf die Insel. Im Rathaussaal wird „fast ausschließlich Helgoländisch gesprochen". Er trägt sich ins Goldene Buch ein, mit einem Vers, den er am Vorabend handschriftlich aufschreibt:
Wat ik uk du, wat ik uk driuw, wea ik uk ben en stun: wat ik uk skriuw ik ben en bliuw nä jaansmoäl fan et Lun!
Was ich auch tu', was ich auch treibe, wo ich auch bin und stehe: was ich auch schreibe, ich bin und bleibe ein für allemal von der Insel!
In seinem Festvortrag zieht der 50-Jährige Zwischenbilanz und korrigiert sich selbst. 1951 hatte er in einem Merian-Heft geschrieben, die Helgoländer Sprache liege im Sterben. 25 Jahre später widerruft er das. „Ich sehe durchaus eine Chance", sagt er in einem Interview, das der Helgoländer nach den Festlichkeiten in der Wohnung seiner Mutter Maoti führt.
„Die Sprache, speziell die Helgoländische, ist ja mehr als ein bloßes Verständigungsmittel, sie ist Ausdruck und Trägerin eines bestimmten Gedankengutes."
Auf die Frage, ob er auch in Dortmund oder als Hamburger Kaufmannssohn zu James Krüss geworden wäre, antwortet er trocken: „Nein, ganz sicher nicht. Dann hätte ich vielleicht allenfalls mal einen sozialkritischen Roman geschrieben, wäre sonst aber ein stinklangweiliger normaler Bürger geworden." Die ersten sechzehn Jahre auf der Insel seien das Material gewesen, aus dem alles andere wurde.
1985: der bittere GEO-Befund
Neun Jahre später, 1985, schreibt Krüss für GEO einen 18-seitigen Bericht. Titel: Eine Sprache verstummt. Der Text ist die einzige längere autobiografische Reportage, die Krüss zu seiner Muttersprache geschrieben hat. Er beschreibt seinen Vierjährigen-Spaziergang durch Schnee zu Onkel Paul 1930. Er steht 1977 als 51-Jähriger auf dem Helgoländer Leuchtturm bei Willy Krüss, einem Verwandten. Er beobachtet 1983 in zwei Klassen der Inselschule: „Als ich fragte, wer helgoländisch sprechen könne, kam nicht ein einziger Finger hoch." Im Jahr 1919, so sein Befund, sprachen noch rund 2.000 Insulaner Halunder, fast alle. Im Jahr 1983 schätzt er die Sprecher auf „höchstens 500 Menschen, und die meisten sind ältere Leute".
Auch sein eigener Sohn Steffen lernt es nicht mehr halten. Krüss erzählt die Episode mit der kanarischen Kindergärtnerin:
„Die Kindergärtnerin bat ihn in der allerfreundlichsten Absicht, doch helgoländisch zu schnaken, damit die anderen Kinder hörten, wie es klinge. Da kam der Kleine sich wie ein exotisches Tier vor und sprach von Stund an nur noch hochdeutsch."
Krüss diagnostiziert die Ursachen mit der Schärfe eines Mannes, der weiß, wovon er spricht. Erstens: Das Helgoländische werde nicht mehr gebraucht. „Für das Geschäft mit dem Tourismus, bei dem ja das Anschlagen der Registrierkasse zur wichtigsten Sprache wird, ist es ohnehin überflüssig." Zweitens: Mütter vom Festland, die nach Helgoland einheirateten, hätten Halunder „nicht weitergeben können oder wollen". Drittens: Die abstrakteren Wörter, also „Liebe", „Glaube", „Segen", „Bewußtsein", habe das Halunder über die Jahrhunderte ohnehin getilgt, weil eine kleine Fischer- und Lotsen-Bevölkerung sie nicht brauchte. Der Wortschatz für „alles, was mit dem Meer und dessen Früchten und Fahrzeugen zusammenhängt", sei dafür exzeptionell.
Das Wort, das niemand mehr kennen wird
Mitten im GEO-Text steht ein Halbsatz, der mehr aussagt als das Programm-Manifest von 1948. Krüss erwähnt, dass das Helgoländische memmenspreek für „Muttersprache" hat. Und dann fragt er bitter: „Wie soll denn jemand auch den Untergang einer Sprache beklagen, die er gar nicht kennt? Der gar nicht weiß, dass das deutsche Wort ‚Muttersprache' als ‚memmenspreek' im Helgoländischen ‚Müttersprache' bedeutet?"
Er beendet den Text mit einem Vers seines früheren Helgoländer Schneidermeisters Heinrich Claasen, von dem 1985 noch ein knappes Viertel der Insulaner mindestens den Anfang aufsagen konnte. Heute, vermutet er, werde man ihn bald übersetzen müssen:
Letj Foämeler en letj Blömken, Dinn sen do meas iaandunn, Wan dja om bassen bloie, Bliuw dja ni loang mear stunn.
Kleine Mädchen und kleine Blumen, ach, die sind einerlei: wenn sie am schönsten blühen, geht ihre Zeit vorbei.
Was bleibt zum Hundertsten
Die Peretti/Voss-Biografie aus Zürich, die in Fritzi Offermanns FAZ-Rezension besprochen wird, trägt den Untertitel Ein Leben zwischen Insel und Weltliteratur. Das ist genau, was Krüss in seinem Geburtstagsempfang 1976 selbst beschrieben hatte: ein Mann der Insel, ein Mann der Welt, in dieser Reihenfolge. Die Pendelbewegung zwischen Gran Canaria und Helgoland war für ihn keine Flucht; sie war Bedingung. Er nannte das Festland einmal in einem Münchner Faschingsgespräch „Land der Fettnäpfchen", in das er prompt mit jedem Schritt hineintrete.
Die FAZ-Überschrift Freundlich in bösen Zeiten verweist auch auf etwas, was Krüss zeitlebens nur halböffentlich machte und worüber die Peretti/Voss-Biografie nun offen schreibt: dass Krüss homosexuell war. Geboren ins Helgoland der 1920er, jugendlich unter dem Nationalsozialismus, schreibend in der Adenauer-Zeit, in der § 175 noch in Kraft war, lebte er das nicht öffentlich. Die Übersiedlung nach Gran Canaria 1966 hatte mehrere Gründe; einer davon, so legen es seine späten Briefe und die neue Biografie nahe, war ein Stück Distanz zu einer Bundesrepublik, in der ein Mann seiner Bekanntheit ständig auf der Hut sein musste. Wenn der hundertste Geburtstag eines Inselschriftstellers Anlass für eine Lektüre ist, ist es vielleicht dieser: was wir an seiner Sprach-Arbeit für die Halunder-Insel-Kultur haben, bekamen wir auch deshalb, weil er sich für die Distanz und für das Wort statt für die direkte Stimme entschieden hat.
Was bleibt am 31. Mai 2026, hundert Jahre nach dem Tag, an dem er in der Husumer Straße zur Welt kam, ist eine ungewöhnliche Doppel-Linie. Die siebzehn Bände Geschichten für 101 Tag, an denen er, wie er es 1976 nannte, sein „opus intertextum" knüpfte. Und 100 Hefte Hallunner Moats von 1948 bis 1956, in denen er versuchte, eine Inselgesellschaft sprachlich am Leben zu halten, während sie sich im Exil neu erfand. Die ersten haben ihn weltberühmt gemacht. Die zweiten sind heute fast nur noch in Privatbesitz bekannt.
Maria Leitgeber-Dähn schloss ihren Brief 1973 mit einem Satz, den man, wenn man die Quellen kennt, an diesem Tag noch einmal lesen muss:
„Do toch do keen fan is aal, hek deät nons en groot en bekant Man wür."
„Damals dachte ja keiner von uns allen, was das einmal für ein großer und bekannter Mann werden würde."
Der Junge mit den Spiegelei-Augen hat den ganzen Kopf voll Schnecken gehabt, hat seiner Mutter die Haarnadeln aus den Zöpfen gerissen, hat später seinem Sohn auf Gran Canaria die Sprache erhalten wollen und nicht können. Hat 160 Bücher geschrieben, drei davon auf Halunder. Hat eine kleine Sprache eine Weile am Leben gehalten und am Ende bilanziert, was er sah. Mehr Mensch geht nicht in hundert Jahre.
Verwandte Beiträge aus den Halundrigens: das Lehrbuch, mit dem Århammar 1987 versuchte, Halunder lernbar zu machen; Krogmanns Antwort auf Siebs zum Inselnamen. Mehr zum sprachgeschichtlichen Hintergrund unter Über die Sprache.
Quelle: Hauptquellen: Hallunner Moats Nr. 1, 15. August 1948 (Schriftleiter James Krüss). Der Helgoländer Nr. 143 + 144, Juni/Juli 1976 (50. Geburtstag). GEO Nr. 4, April 1985 („Eine Sprache verstummt“). Der Helgoländer Nr. 338, August 1992 (Maria Leitgeber-Dähn, „De letj James“). FAZ, 26. Mai 2026 („Freundlich in bösen Zeiten“ von Fritzi Offermann zur Peretti/Voss-Biografie).
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