Endet dein Nachname auf -s, -en oder -sen? Oder ist es ein Wort, das man in einer norddeutschen Hütte als spöttische Beschreibung benutzen könnte? Dann steht eine reelle Chance, dass deine Vorfahren auf Helgoland gelebt haben oder zumindest aus der nordfriesischen Inselwelt stammen. Theodor Siebs hat 1909 die Personennamen der Insel über sechs Druckseiten analysiert. Sein Befund ist überraschend einfach: Auf Helgoland gab es um 1900 rund 2.000 Einwohner in etwa 500 Haushalten und nur 135 Familiennamen. Die häufigsten patronymischen waren Friedrichs, Rickmers, Aeyckens, Lorenzen, Reimers, Barts, Michels, Hamkens, Nickels, Oelrichs, Ralfs. Aus den übrigen ragten drei besonders heraus: Krüß, Botter und Hornsmann.
Der einfachste Weg: Vater plus -s
„Der Helgoländer liebt die Endung -s", schreibt Siebs nüchtern. Ein Sohn von Reimer wurde Reimers, ein Sohn von Jakob wurde Jakobs. So entstand die größte Gruppe der heute noch verbreiteten Inselnamen. Wenn dein Nachname in dieser Liste auftaucht, kommt er fast sicher aus diesem Muster: Ahrens, Barts, Bartels, Broders, Daniels, Eilers, Erichs, Everts, Volkers, Volquarts, Friedrichs, Fruddens, Harlichs, Harms, Heins, Hennings, Hermans, Hinrichs, Jakobs, Jaspers, Jochims, Johns, Carstens, Clements, Knuts, Kobers, Lührs, Martens, Michels, Nickels, Nummels, Oelrichs, Pauls, Peters, Ralfs, Reimers, Rickmers, Rördts, Siebges, Siemens, Simons.
Da, wo der Vorname auf einen Zischlaut auslief, wurde aus dem -s ein -en oder -sen: Andresen, Asmussen, Hansen, Claussen, Clasen, Lassen, Lorenzen, Thomsen. Endete der Vorname auf einen Vokal, schob die Sprache einen schwachen Genitiv dazwischen, dann erst kam das -s: Aeuckens, Boeyens, Boennickens, Hamkens, Harkens, Heickens, Ockens, Olckens, Payens, Schweinkens, Tetens. Drei Helgoländer Sonderfälle pendelten zwischen beiden Mustern: Detlef Detlefsen, Edlef Edlefsen, Jan Janssen. Wer einen Edlefsen oder Detlefsen kennt, kann diesen Mann gerade jetzt anrufen und ihm sagen, dass sein Familienname das einzige Mal in einer ganzen Sprachgemeinschaft die übliche Regel bricht.
Drei Generationen, drei Nachnamen
Vor 1800 war der Nachname auf der Insel nichts Festes. Er wechselte mit jeder Generation. Siebs gibt ein Lehrbuch-Beispiel:
„Hieß der Vater beispielsweise Jasper Barts, so nannte sich sein Sohn Reimer: Reimer Jaspers und der Enkel Jakob: Jakob Reimers."
Vater Bart, Sohn Jasper, Enkel Reimer. In drei Generationen drei verschiedene Familiennamen. Das funktionierte auf der Insel, solange alle einander kannten. Wenn allerdings vier Männer namens „Peter Pauls" gleichzeitig lebten, half nur noch die mündliche Helgoländer Beschreibung. Siebs bewahrt zwei davon wörtlich auf, sie waren keine Spottnamen, sondern offizielle Identifikations-Formeln:
„Letj Peterken Kärsen sīn djong"
„Klein-Peterchens Carstens sein Junge" – also Hinrich Reimers, der Sohn von Carsten Reimers, der wiederum der Enkel des „kleinen Peter Reimers" war.
„Grön djigels Tīnk her Peter"
„Grüngiebels Tinas ihr Peter" – Peter Schwed, der Sohn der Tina Schwed mit dem grünen Hausgiebel.
Wenn auf Helgoland eine Frau ein auffälliges Haus hatte, wurde es Teil des Namens ihres Sohnes. Auch Frauen wechselten ihren Familiennamen ständig: Oscke, die Frau des Jasper Bart, war Oscke Jaspers. Bei der Heirat mit Paul Rickmers wurde sie zu Oscke Pauls.
Erst um 1800 wurde das System eingefroren. Die Pastoren, die endlose Eintragungen in den Kirchenbüchern verloren, bestanden auf festen Familiennamen. Die Folge: Was vorher die Zwischen-Generation hieß, wurde nun zum dauerhaften Nachnamen. Daraus wurden Hans Nachbar Jakobs, Hans Schröder Rickmers, Paul Holländer Melchers, Johann Harding Schröder. Die Inselgesellschaft hat das geschluckt, weil sie keine Wahl mehr hatte.
Warum James Krüss „Krüss" heißt
Das zweite Drittel der Helgoländer Familiennamen entstand auf eine ganz andere Weise. Siebs nennt sie Ekelnamen (wobei ekel nicht „eklig" meint, sondern „spöttisch". Der Helgoländer selbst sagt dazu huachensnēm (vgl. huach = ängstlich, bange) oder ōkelsnēm. Ein Vorfahre, ein Onkel, ein Nachbar bekam wegen einer Eigenschaft, eines Berufs, einer Tierart, einer Farbe einen Beinamen verpasst. Wenn der Beiname hängen blieb, wurde er irgendwann zum Familiennamen. Siebs sortiert sie in zehn Kategorien. Vier davon sind besonders unterhaltsam:
Eigenschaften (also: was war an dem Mann oder seinen Haaren auffällig): Grodt, de Große, de Junge, Hartig, Hundes oder Hunnes (von hun = Hund), Knabe, Krüss (= kraus), Labeth (= kaputt, erledigt), Lallken (zu lallen), Ledernarm, Magermann, Ohlmann (= Altmann), Schmall, Schwei (von suaie = vor Anker nach dem Strom drehen), Schott (zu skot = Schuß, Wurf des Taues), Stolt, Surtjen (zu sauer), Waghals, Wedder (= Wetter), Wild, Windloper, Windlop. Wer in Deutschland einen Krüss kennt, hat statistisch gesehen einen Helgoländer Urururgroßvater mit dichten, krausen Haaren in seinem Stammbaum. James Krüss ist die berühmteste Spur dieses Vorfahren.
Tiere: Bockfink, Bur und Burken (helgoländisch = Sturmmöwe), Dogger (= Alk), de Haas, Haase, de Han, Hahn, de Heger und Häger (= Häher), Kaper (= Wiesenschmätzer), Stind (= Wachthals). Wenn die de Haas heute in Amrum oder Cuxhaven sitzen, gehörten ihre Urväter zu einer Helgoländer Familie, die wegen Schnelligkeit oder Ohren auffiel.
Farben: Blau, de Graue, Klört (von kouleurt = bunt), de Witte, Witt. Vier dieser Namen sind bis heute auf der Insel verbreitet.
Berufe: Bötger, de Buhr, Dreyer, Gademers, Harder oder Hadder (= Hirte), Kanter, Kock (= Koch), Koopmann, Kröger, Mahler, Reepschläger (= Seiler), Säger, de Schnittker, Schoster, Schröder, Schulmeister, Behnhelper (auf der Kirchenbühne hilft), Büssmann (= Büchsenmann), Klipploper, Osterstricker (= Austernfischer), Tredemacker (zu tritt, stufe, weg), Kaptein, Kommendeur, Maat, Stürmann, Bojmann (zu Boje), Schottmann.
Wenn der Name aus einem Ausruf entsteht
Die schönsten Spitznamen kommen nicht in den Kirchenbüchern an, weil die Pastoren sich weigerten, sie einzutragen. Aber im mündlichen Verkehr lebten sie weiter. Siebs hat ein paar davon aufgeschrieben:
Ein altes Fräulein, das immer „hodénich?" sagte (= „Wie geht's?"), bekam genau diesen Ausdruck als Beinamen. Peter Röhrs wurde nur noch „Peter Ditsker" gerufen. Heinrich Kröger, der einmal mit Eiern gehandelt hatte, hieß zeitlebens „Aierhain". Claus Aeuckens, der ausgestopfte Vögel verkaufte, war „Finkenklaus". Ein Mann mit besonders krummem Gestalt war „hongerich Michel", der hungrige Michel. Ein anderer hatte einen langen Hals: „Ingelsk Huk", englischer Angelhaken.
Die hübscheste Anekdote betrifft einen Hamke Hamkens. Hamkens besaß zwei Schaluppen. Als er sie auf den Stapel setzte, waren beide mit prächtigen Bildern der Sonne und der Erdkugel bemalt. Er sah sie vom Strand aus zum ersten Mal und rief: „O Gott, das ja der reine sener kløs!" (also: „Sonnenkloß"). Seitdem hieß er bis zum Lebensende Sener Kløs Hōmk, und seine Boote ebenfalls.
Onkels mit angeklebtem Namen
Eine Helgoländer Eigenheit, die Siebs als Letztes notiert, ist die liebevolle Verschmelzung von Verwandtschaftswort und Vorname. Wenn ein Onkel auf Helgoland Klaus hieß, sagte das Kind nicht „Onkel Klaus", sondern Klosom. Wenn die Tante Pauline hieß, hieß sie Pēpmētj. Das Wort verschmilzt mit der Anrede:
- Lopom = Onkel Jakob (Laap + ōm)
- Mekelom = Onkel Michel
- Petrom = Onkel Peter
- Klosom = Onkel Klaus
- Pēpmētj = Tante Pauline
- Tetmetj = Tante Tütje
Der Test
Wenn dein Nachname in einer der drei großen Reihen oben auftaucht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auf einer der friesischen Inseln vor langer Zeit ein Vorfahre gelebt hat, der entweder bedingt durch das Generationen-System einen Patronym-Namen erbte oder durch eine Auffälligkeit zu einem Spottnamen kam. Das gilt besonders für die heute weit verbreiteten -mers, -richs, -kels, -kens und -sen-Endungen.
Drei kleine Stichproben:
- Hornsmann: Wohnungs-Ekelname. Der Vorfahre wohnte vermutlich auf einem Ortsteil mit der Endung -hörn. Heute eine der prominentesten Helgoländer Familien.
- Botter: Sachbezeichnung. Vom helgoländischen botter (= Butter). Der Vorfahre handelte vermutlich mit Butter oder hatte einen sehr großen Bauch.
- Witt: Farbe. Der Vorfahre hatte weiße Haare oder einen sehr hellen Teint. Bis heute eine der wenigen Helgoländer Farb-Ekelnamen, die durchhielten.
Wer auf der Insel etwas verbergen wollte, hatte es schwer. Wer einen weißen Bart hatte, hieß de Witte. Wer einen wachsenden Bauch hatte, wurde zur Botterboick („Buttersauce"). Wer am liebsten schlampig herumlief, hieß Slomper. Und wer kraus war, gab seinen Familiennamen an einen der bekanntesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts weiter.
Verwandte Beiträge aus den Halundrigens: das ganze Spitznamen-System der Insel; der Streit um den Namen Helgoland selbst. Mehr im Wörterbuch: viele dieser Ekelnamen sind direkte Halunder-Wörter.
Quelle: Hauptquelle: Theodor Siebs, „Die Sprache der Helgoländer", Kapitel „Die Personennamen der Insel", S. 290-297, Originalausgabe 1909, Reprint Hamburg 1962.
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