Wer auf Helgoland geboren wird, bekommt zwei Namen. Den, der in die Geburtsurkunde kommt, und den anderen, den die Insel irgendwann findet. Letzterer heißt auf Halunder Huuachensneem, Plural Huuachensneemen. Im Festland-Deutsch Spitzname, im Englischen nickname. Aber kein Idiom auf Helgoland ist so insel-spezifisch wie dieses, weil hier praktisch jeder einen hat, viele ihre Spitznamen sogar an die Kinder weitergeben, und manche Familien nach drei Generationen ausschließlich unter ihrem Huuachensneem bekannt sind.
Eine Sprache, die nur Insulaner verstehen
Kurt Friedrichs, geboren auf Helgoland, langjähriger Sprachgewährsmann der Århammars, hat 1993 die bis dahin umfangreichste mündliche Liste auf Band gesprochen. Der Helgoländer druckte sie in Nr. 344 ab, kommentiert von Nils und Ritva Århammar. Friedrichs leitet seine Erzählung mit einem Satz ein, der die Funktion der Huuachensneemen in einem Atemzug erklärt:
„Iip Lun hoa wi wat heel Apartigens, en deät sen 'e Huuachensneemen. Iip Fastewal snakke dja uk fan ‚Spitznamen', en 'e Ingelsken hoa ‚nicknames'; deät es bal 'et sallowski as 'e halunder Huaachensneemen."
Auf der Insel hätten sie etwas Eigenes, sagt Friedrichs. Etwas Apartes. Festländer haben Spitznamen, Engländer haben Nicknames, und das ist auch fast dasselbe. Aber eben nur fast. Der Unterschied liegt im sozialen Gewicht. Auf der Insel sind die Spitznamen oft so etabliert, dass selbst der Träger seinen bürgerlichen Namen kaum mehr hört.
Eine Liste, die zur Geschichte wird
Friedrichs zählt auf Halunder rund hundert Namen auf, darunter:
„Kokkens Reim, de Buwwer, de Sniiwer, Djoap Spüt, Catto, Sketti Boap, Letzten Heller, Arrak-Boapi, Rhesus, Lung Hünnerk, Kokkens Pauliin, Djoap Daik, Ingels Dap, Petten Skuut, Ingels Huk, Peter Ladder, Peter Olle, Karl Shell, Mistern herrem Peter, Sanggii, Moit ni wört, de Boy, Prekkel-Berta, Dattel-Hein, Börriger-Piit, Peter Schneemann, Aier-Hein, de Leuch, Oosenwin, ii letj Knech, Letj Brekki, Bakker Djoap, Cobi Kathals, de Inspekter, Floiter-Michel, Molk-Djenny, Peti Ming, Graf Pee, Sherlock, de Wül, Luuiken, de Skostean, Rum-Eäk, Liirken, Sokker-Fiit, Marengo …“
Es ist eine soziale Topographie der Insel der 1950er und 60er Jahre. Djoap Daik zum Beispiel war ein Gepäckträger mit immer demselben breiten Lederriemen, mit dem er die Koffer zusammenband. Wenn die Musik „muß i denn, muß i denn" spielte, lief er als junger Mann mit zum Boot. Der Riemen wurde sein Etikett, das blieb. Hinter jedem zweiten Namen sitzt eine solche Mini-Geschichte.
Andere Spitznamen vererben sich. Friedrichs sagt es so: „Munter'n, Pee'n, Smutter'n dja(m)“, also „die Munters, die Pees, die Smutters". Ganze Familien werden als Plural-Personen identifiziert. Wer Anni Munter ist, weiß man auf der Insel nicht über die Geburtsurkunde, sondern über ihren Großvater Hünnerk Munter, der die Schlitt-Stelle unter sich hatte.
Wer hat das Wort eigentlich erfunden?
Die kuriose etymologische Pointe steckt im Wort selbst. Århammar zeigt im Kommentar: Huuachensneem ist eine relativ junge Form. Die ältere Form lautete Uaakelsneem, mit dem Bestimmungswort uk (gotisch auk, „auch"). Wer einen Spitznamen hatte, hieß auch noch so. Verwandte Formen: nordfries. Uukelnööm, mittelniederdt. ökelname, dänisch øgenavn, englisch nickname. Alles dieselbe Wortbildung.
Irgendwann im Kindermund wurde die alte Form Uaakelsneem jedoch in Huaachensneem umgedeutet. Das Bestimmungswort klang nicht mehr nach „auch", sondern nach huaach, „unheimlich, bange". Århammar zitiert dazu Benno Eide Siebs, der bereits in den 1960er Jahren annahm, dass die kindliche Phantasie hier am Werk gewesen sei. Ein Spitzname als etwas Geheimnisvolles, leise Verunsicherndes klingt für ein Kind nicht abwegig.
Bei den nordfriesischen Nachbarn ist dieselbe volksetymologische Umdeutung passiert. Auf Föhr/Amrum wird die ältere Form zu Hukelnööm, neu angelehnt an Huk („Ecke" oder „Angelhaken"). Auf Sylt zu Oognoom, mit Oog („Auge"). Århammar fragt im Helgoländer trocken: „Was sich die Kinder dabei wohl gedacht haben?"
1921: Merleker und der Sturm
Die schriftliche Forschungsgeschichte der Helgoländer Spitznamen beginnt 1921. Hartmut Merleker, ein mit einer Helgoländerin verheirateter Journalist, veröffentlichte als Erster eine Sammlung. Mit, wie er selbst Jahrzehnte später in der Cuxhavener Zeitung (31. Juli 1965) beschreibt, „weniger erfreulichen Folgen" für ihn. Spitznamen, die intern unter Insulanern verwendet werden, sind etwas anderes als Spitznamen, die in einer Festland-Zeitung gedruckt erscheinen. Die Insel hat es ihm übel genommen.
Spätere Bearbeiter waren vorsichtiger: Benno Eide Siebs widmet in seiner Helgoländer Volkskunde der Etymologie und der sozialen Funktion ein eigenes Kapitel, ohne den Insulanern peinlich zu werden. O.-E. Hornsmann schrieb 1973 im Helgoländer Nr. 102 mit Schwerpunkt auf die Entwicklung ganzer Familiennamen aus Spitznamen. Mary Franz lieferte 1980 (Helgoländer Nr. 186) eine auf Halunder verfasste Charakterstudie einzelner Trägerinnen. Friedrichs' Tonbanderzählung von 1993 ist die letzte große mündliche Quelle. Wer jüngere Spitznamen kennt, wird sie eher von einem Insulaner persönlich hören als gedruckt finden.
Tarn-Wortschatz
Eine Sonderfunktion vieler Halunder-Wörter mit doppeltem Boden passt zur Spitznamen-Tradition: die Möglichkeit, in Anwesenheit von Nicht-Helgoländern Dinge zu sagen, ohne dass der Festländer es versteht. Århammar nennt im Kommentar einige Beispiele für verdeckende Personenbezeichnungen, die man auch heute noch unbedarft im Café benutzen kann: 'en Benaueten (ein Geängstigter), Gotliip, Kiholt Prop, Tschakketen. Was sie genau meinen, ist ein Insulaner-Wissen. Der Touristen-Tisch nebenan bekommt eine Halunder-Anekdote serviert, ohne zu merken, dass sie gerade von ihm handelt.
Was bleibt
Spitznamen erzählen viel über die Größe einer Gemeinschaft. Auf Helgoland mit unter 1.400 Einwohnern kann man niemandem aus dem Weg gehen, also kennt jeder jeden. Wenn jeder jeden kennt, dann ist der bürgerliche Name oft die langsamere, formellere Variante. Schneller geht es mit Munter, Smutter oder dem alten Djoap Daik. Die Insel hält daran fest, nicht aus Eigensinn, sondern weil es funktioniert.
Wer sich auf Helgoland umhören will, wer ein eigener Huuachensneem für ihn parat hat, sollte ein paar Jahre bleiben. Die Insel braucht Zeit, bis sie sich festlegt. Aber wenn sie sich festlegt, bleibt es. Eine Bemerkenswertes-Verzeichnis aller in der Inselgeschichte belegten Spitznamen wäre ein eigenes Forschungsprojekt. Eine Bachelorarbeit, sagt Århammar im Helgoländer-Kommentar. Vielleicht wartet sie noch auf jemanden, der sie schreibt.
Quelle: Der Helgoländer Nr. 344, Februar 1993: „Halunder Huuachensneemen, iip Bean ferhoalt fan Kurt Friedrichs“, herausgegeben und kommentiert von Nils und Ritva Århammar. Frühere Sammlungen: Hartmut Merleker 1921, Benno Eide Siebs in „Helgoländer Volkskunde“, O.-E. Hornsmann (Helgoländer Nr. 102, 1973), Mary Franz (Helgoländer Nr. 186, 1980).
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