Das Halunder-Vaterunser ist berühmt, unter anderem weil es auf einer Majolikaplatte in der Paternoster-Kirche auf dem Ölberg in Jerusalem verewigt ist. Wer durch die Vaterunser-Grotte geht, läuft direkt darauf zu. Es hängt seit dem 1. Mai 1998 dort, neben dem französischen Vaterunser, und ist das Ergebnis von elf Jahren beharrlicher Verwaltungsarbeit, einer kleinen Krankheitsserie und einem Gutachten in französischer Sprache.

Der Text auf der Tafel
Was 1998 in die Keramik gebrannt wurde, ist das überlieferte Helgoländer Vaterunser in der Schreibweise, an der Mina Borchert und Nils Århammar vier Jahrzehnte gearbeitet haben:
Heeregot, ii Foor, dear Di bes uun'e Hemmel! Haili skel wees Diin Neem. Diin Rik lat keem, Diin Wel skel djülle uun'e Hemmel en iip'e lir. Ii doagelik Brooad du is dollung, en ferdjiuw is ii Skül, as wi ferdjiuw wel din'n uun ii Skül stun. En feere is ni wech fan Diin Wai. Foor moake is frai fan Büsterkens!
Deutsche Übersetzung zur Orientierung: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
1987, ein Gespräch im Souvenirladen
Wie der Text dorthin kam, ist eine eigene Geschichte. Sie beginnt 1987 mit Josef Bernhard, dem katholischen Inselpfarrer auf Helgoland. Bei einer seiner Israelreisen kam er im Karmel-Kloster mit Schwester Marguerite-Marie ins Gespräch und fragte, was zu tun sei, um das Vaterunser auf Helgoländisch anbringen zu lassen. Die Antwort war pragmatischer, als er erwartet hatte: die Kirche gehört dem französischen Staat. Und der hat eine Regel.
Keine Dialekte, nur Sprachen
In Frankreich wird seit Jahrhunderten politisch festgehalten, dass auf Staatsbesitz keine regionalen Dialekte hängen. Wer in die Paternoster-Kirche eine neue Tafel aufnehmen lassen will, muss vorher nachweisen, dass es sich um eine eigene Sprache handelt, nicht um eine Spielart eines übergeordneten Idioms. Halunder ist diese Hürde nicht selten gestellt worden. Wer auf dem Festland davon spricht, hört oft den Reflex: „Ach, das ist doch nur Plattdeutsch.“ (Es ist nicht Plattdeutsch, siehe die sechs Argumente für die Eigenständigkeit.)
Den Nachweis besorgte Nils Århammar. Damals Marburger Universitätsdozent und seit der Reihe „Halunder Spreek“ im Helgoländer der prominenteste Halunder-Forscher seiner Zeit. Er schrieb das Gutachten in französischer Sprache und bestätigte, dass Halunder eine eigene Grammatik und einen eigenen Wortschatz hat. Bernhard übergab das Papier auf seiner nächsten Reise. Die Karmelitin nannte ihm im Gegenzug den Preis, zahlbar in US-Dollar.
Borcherts Orthographie
Damit der katholische Erzbischof von Hamburg sein Siegel unter den Halunder-Text setzen würde, brauchte es eine zweite Bestätigung: dass die Schreibweise stimmt. Diese Bestätigung kam von Mina Borchert. Bernhard war einer ihrer langjährigen Volkshochschul-Hörer, zehn Semester lang. Erzbischof Ludwig Averkamp gab das Siegel, nachdem Borchert die Orthographie freigab. Wer den Halunder-Korpus auf halunder.ai durchsucht, findet praktisch jede schriftliche Konvention der modernen Insel-Sprache auf zwei Namen zurück: Mina Borchert und Nils Århammar. Hier waren beide gleichzeitig im Spiel.
Was die Doxologie kostet: Platz
Aus rein technischen Gründen wurde der katholische Schluss gestrichen, die Doxologie „Dan Diin es et Rik en de Kraf en de Herlikait uun alle Ewikait. Amen.“ Auf den Keramikplatten der Paternoster-Kirche ist standardmäßig kein Platz dafür, in keiner Sprache. Der Halunder-Text endet also wie das ökumenisch übliche Vaterunser mit „Foor moake is frai fan Büsterkens!“
Die Krankheitsserie
Bis die Tafel tatsächlich gebrannt wurde, vergingen weitere Monate. Schwester Marguerite-Marie wurde krank. Die Keramikkünstlerin Catherine Jacquemot wurde krank. Bernhard selbst musste operiert werden. Im Oktober 1997 stand der Inselpfarrer wieder im Karmel und sagte kategorisch: wenn er im Mai 1998 nach Jerusalem komme, müsse das Vaterunser iip Halunder fertig sein.
Es klappte gerade so. Am Karfreitag 1998 ging der Generalprobentext per Fax noch einmal hin und her, zwei Schreibfehler waren zu korrigieren. Ende April flog Bernhard erst nach Millstatt zur 25-Jahres-Feier einer Partnerschaft, dann nach Frankfurt, dann nach Tel Aviv. Israel feierte gerade sein 50-jähriges Staatsjubiläum, Flüge waren knapp. Erst gegen 1.15 Uhr am 1. Mai erreichte er sein Hotel in Jerusalem.
Helgoländer Weihwasser
Um 9 Uhr morgens am 1. Mai 1998 holte ihn die Reisevertreterin Anneliese Breitsamer mit dem Auto ab und fuhr ihn zum Ölberg. Vor der noch verhüllten Tafel sprach Bernhard das Segensgebet auf Latein, enthüllte die Majolika und besprengte sie mit Weihwasser, das er aus Helgoland mitgebracht hatte. Eine Pilgergruppe, die gerade aus der Grotte kam, blieb stehen und nahm an der Segnung teil. Anschließend feierte er in der Karmelkirche die Heilige Messe vom heiligen Josef dem Arbeiter, in deutscher Sprache, vor englischen und deutschen Pilgern.
Was bleibt
Bemerkenswert ist nicht, dass eine Sprache mit unter 90 aktiven Sprechern es bis nach Jerusalem geschafft hat. Bemerkenswert ist die Kette: Århammars wissenschaftliche Bestätigung der Eigenständigkeit (Marburg), Mina Borcherts orthographische Autorität (Volkshochschule Helgoland), Erzbischof Averkamps Siegel (Hamburg), die Verhandlungen mit dem französischen Staat (Paris), die Keramikkünstlerin in Israel. Ohne ein einzelnes Glied dieser Kette wäre die Tafel nie angebracht worden. Halunder ist eine Sprache, die schon in der Substanz auf Gemeinschaft angewiesen ist. Das hier ist vielleicht ihr sichtbarstes Beispiel.
Die Tafel steht heute weiter auf dem Ölberg. Bernhards Signatur unten rechts: Pfarrer J. Bernhard, Helgoland 98.
Quelle: Der Helgoländer Nr. 410, August 1998: „Vaterunser iip Halunder in Jerusalem. Bemühungen von Pfarrer Bernhard tragen sichtbare Früchte“, S. 22–23.
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