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Mina Borchert unterrichtete 300 Schüler mit einem Märchenbuch

· 5 min1975 fragt Nils Århammar eine 63-jährige Insulanerin, ob sie Halunder unterrichten will. Sie hat kein Wörterbuch, keine Grammatik, nur ein Märchenbuch. 1990 zählen ihre Kurse über 300 Hörer, ihr Lehrbuch ist die Grundlage allen heutigen Unterrichts.

Wenn man heute auf Helgoland nach jemandem fragt, der die Sprache organisiert weitergegeben hat, kommt schnell ein Name: Mina Borchert. Sie hat nicht in der Schule unterrichtet, sondern an der Volkshochschule, freiwillig, abends, 15 Jahre lang. Ohne ihre Geduld in den späten 70ern und 80ern gäbe es das halbe Material, auf dem halunder.ai heute steht, schlicht nicht.

1975, ohne Wörterbuch, ohne Grammatik

Im Mai 1990 erscheint im Helgoländer eine Würdigung zum 15-jährigen Jubiläum ihrer Kurse. Borchert ist zu diesem Zeitpunkt 78. Sie erzählt darin, wie alles 1975 anfing. Nils Århammar, damals frisch berufener Professor für Friesische Philologie in Kiel, suchte jemanden, der den Insulanern ihre eigene Sprache wieder beibringen würde. Borchert sagte zu. Was sie in den ersten Stunden in der Hand hatte, war ein einziges Buch: Fan Boppen en Bedeeln, eine Sammlung Helgoländer Märchen von James Packroß.

„Und so marschierte ich dann los, als Rüstzeug nur das Buch von James Packroß. Kein Wörterbuch und keine Grammatik, ohne darüber nachzudenken, daß für Leute, die gar kein oder nur wenig Helgoländisch können, diese Märchen schon viel zu viel wären. Und dann hatte ich die Angst im Nacken, ob ich das wohl alles richtig mache.“

— Mina Borchert, Der Helgoländer Nr. 310, Mai 1990

Århammar saß die ersten zwei Abende selbst im Hintergrund und hörte zu. Dann stand sie allein. Die Kursteilnehmer, schreibt der Helgoländer, „waren leider erstmal ihre Versuchsobjekte“.

300 Hörer, ohne Pause

Was als Improvisation begann, lief 15 Jahre durch, ohne Unterbrechung. Die Zahlen aus dem Bericht: über 300 verschiedene Hörer in dieser Zeitspanne, zwei parallele Kurse jedes Semester, einer für Anfänger, einer für Fortgeschrittene. Die Teilnehmer wurden im Schnitt immer jünger. Das ist bemerkenswert, weil die Halunder-Weitergabe zur gleichen Zeit in den Familien längst abriss. Die Volkshochschule wurde zur Ersatzweitergabe.

Das Lehrbuch, das alles veränderte

Aus der Zusammenarbeit mit Århammar und dem Nordfriisk Instituut entstand 1987 das erste richtige Halunder-Lehrbuch: Wi lear Halunder. Bis heute ist es die Standardreferenz für Unterricht und für jeden, der die Sprache lernen will. Wer sich die Sprachseite von halunder.ai anschaut, findet praktisch jeden grammatischen Hinweis dort auf Borchert / Århammar zurückgeführt.

Geplant war 1990 auch eine Sprachkassette zum Buch, die die Aussprache dokumentiert. Diese Lücke ist bis heute nicht geschlossen. Genau dafür baue ich gerade die neuronale Sprachausgabe, 36 Jahre später, mit denselben Aufnahmen, die Borchert damals mit ihren Schülern einsprechen wollte.

Was bleibt

Borcherts Argument im Helgoländer-Interview ist so kurz, dass es bis heute funktioniert:

„Ich wußte, was wir verlieren, wenn wir unsere Sprache verlieren. Helgoland hat so viel aufgegeben. Wir haben wirklich noch unsere Sprache, die uns ganz allein gehört.“

— Mina Borchert, ebd.

Mina Borchert ist 2009 gestorben. Ihre Nachfolgerin im Schulunterricht, Bettina Köhn, hat den Unterricht ab 1989 in den Klassen 1 bis 4 der James-Krüss-Schule weitergeführt, bis er 2019/2020 ohne Nachfolge auslief. Heute spricht kein einziges Kind der 5. bis 7. Klassen die Sprache muttersprachlich. Das Lehrbuch, an dem Borchert vier Jahre saß, ist die einzige durchgehende Ressource, die diese Lücke noch füllt.

Wenn jemand glaubt, dass es zu spät ist: Borchert hat 1975 mit einem Märchenbuch angefangen.

Quelle: Der Helgoländer Nr. 310, Mai 1990: Personenporträt „Mina Borchert: Ein Herz für das Helgoländische, 15 Jahre Dozentin der Volkshochschule“