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Wenn der Koks im Fisch sitzt

· 6 min„Dear lait en Koks bi“ heißt auf Helgoländisch: die Sache hat einen Haken. Wörtlich aber: da liegt eine Wellhornschnecke dabei. James Krüss erklärte das 1985 in GEO mit einem Marktschwindel. Århammar widerspricht 2000 und stellt eine andere These auf. Drei Quellen, zwei Theorien, ein Insel-Idiom.

Auf der Startseite von halunder.ai rotiert unter dem Übersetzer ein Satz, der Festländern Stirnrunzeln bereitet: „Dear lait en Koks bi.“ Deutsche Übersetzung daneben: „Die Sache hat einen Haken." Wer die Lexika nachschlägt, findet schnell die wörtliche Bedeutung. Es liegt eine Wellhornschnecke dabei. Was eine Schnecke mit einem Haken zu tun hat, ist seit mindestens 1985 Gegenstand einer kleinen, freundlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Zwei Helgoländer Schwergewichte haben sich nacheinander an der Etymologie versucht: James Krüss und Nils Århammar.

Was Koks ist

Auf Halunder heißt Koks (Plural Koksen) die große Strandschnecke oder Wellhornschnecke. Die ältesten Belege gehen ins 18. Jahrhundert zurück. 1792 bei Hasselmann steht der Eintrag Koxen, Mehrzahl. Das Wort ist wahrscheinlich sehr früh von der südlichen Nordseeküste auf die Insel gewandert, das niederländische kok für „eßbare Herzmuschel" stammt vom vulgärlateinischen coccum, „Strandschnecke", schon 725 belegt.

Wichtig für die Geschichte: die Wellhornschnecke ist groß, schwer und auf Helgoland nie als Speise geschätzt worden. Friedrich Wohlenberg schrieb 1953 nüchtern: „der Helgoländer schätzt sie kaum als Speise." Eine kleine Schnecke, die niemand essen will, aber dafür gut etwas wiegt. Daran hängt das Idiom.

1985: Krüss in GEO

Im April 1985 erscheint in der Zeitschrift GEO ein ausführlicher Helgoland-Artikel mit einem Sprachkasten von James Krüss, dem berühmten Insel-Schriftsteller. Krüss erklärt die Redensart so:

„Wenn einer in Deutsch sagt, an der Sache sei etwas faul, dann sagt der Helgoländer: ‚Dear lait en Koks bi' - ‚Es liegt eine Wellhornschnecke dabei', was bedeutet, dass diese schwer wiegende Meeresschnecke unter die gekauften Fische geschummelt worden sei, um sie schwerer, also teurer zu machen."

— James Krüss, GEO Nr. 4, April 1985, S. 184

Eine plausible Geschichte: Marktbetrug. Eine Schnecke unter den Heringen, das Gewicht steigt, der Preis auch. Sie ist anschaulich, sie ist witzig, und sie passt zu Helgoland als Fischhandelsort. Krüss' Erklärung hat sich seitdem in vielen Reiseführern und Heimat-Brockenrätseln gehalten.

2000: Århammars Einwand

Fünfzehn Jahre später nimmt Nils Århammar in der Reihe „Halunder Spreek" im Helgoländer Nr. 428 den Faden auf. Sein Aufsatz heißt „Deät Steckfan 'e Hölkers", das Stück von den Strandschnecken. Århammar zollt Krüss Respekt, dann argumentiert er dagegen:

„Zugegeben, eine intelligente, an die Phantasie appellierende Entstehungsgeschichte, und doch denke ich, dass die Erklärung, wie bei anderen Redensarten auch, eine einfachere, direkt an die Arbeitswelt anknüpfende ist."

— Nils Århammar, Der Helgoländer Nr. 428, Februar 2000, S. 14

Århammars Variante geht so. Früher wurde der Hummer auf Helgoland in Netzen gefangen, nicht in den heute üblichen Hummerkörben. Auf Halunder heißt das im klassischen Spruch „Hommernat feer't Djiggelgatt": Hummernetz vorm Giebelloch. Wenn ein Helgoländer Fischer das Netz einholte und am Boden ein schweres Tier zappeln spürte, glaubte er kurz, einen besonders fetten Hummer gefangen zu haben. Bis er beim Hochziehen erkannte, dass es nur eine Wellhornschnecke war. Der Fischer wandte sich enttäuscht an seinen Tienermoat, den Mitfischer im Boot:

„Och, dear set en Koks bi!“

— von Århammar als rekonstruierter Original-Satz, mit Verweis auf Maria Leitgeber-Dähn

set oder lait?

Århammars zweites, sprachgeschichtliches Argument betrifft das Verb. Die Sprachträgerin Maria Leitgeber-Dähn, deren Erinnerungen und Tonbänder Århammar über Jahrzehnte mitgeschrieben hat, verwendete immer die Form „set“, also „sitzt" (3. Singular). Erst später, als man auf Hummerkörbe umstieg, in denen die Tiere unten am Boden liegen statt im Maschenwerk zu zappeln, sei set zu lait („liegt") geworden. Wer heute auf Helgoland fragt, hört meist die jüngere Form „Dear lait en Koks bi". In den Idiom-Listen von 2011 und 2012 (Helgoländer Nr. 568 und 571) führt Århammar deshalb beide Varianten parallel auf: „Dear lait/set en Koks bi“.

Wer hat recht?

Schwer zu sagen. Beide Erklärungen sind in sich konsistent. Beide sind gut bezeugt: Krüss' Variante durch eine veröffentlichte Quelle in einer Reichweiten-Zeitschrift, Århammars Variante durch die Sprachträger-Praxis von Maria Leitgeber-Dähn. Beide passen zur Insel-Arbeitswelt. Den Streit entscheiden müssten am Ende die Hummerfänger selbst, schreibt Århammar abschließend:

„Ob aber meine Erklärung ‚sachlich richtig' ist und glaubhafter als die von James Krüss erdachte, dies zu entscheiden sei den Fachleuten, also den Tienerlidden, überlassen."

— Nils Århammar, ebd., S. 14

Was bleibt

Was beide Erklärungen teilen, ist die Beobachtung: das Idiom kommt nicht aus dem Festland-Deutschen und nicht aus einem Schullehrbuch. Es kommt von Helgoländern, die mit Schnecken und Hummern Geld verdient haben. Wer im Übersetzer auf halunder.ai einen deutschen Satz wie „die Sache hat einen Haken" eingibt, bekommt mit etwas Glück „Dear lait en Koks bi“ zurück. Im Hintergrund steht dabei nicht nur eine Übersetzung, sondern eine ganze Geschichte: ein Fischer, ein Netz, eine schwere Schnecke und zwei Forscher, die sich darüber sechs Spalten lang freundlich uneinig sind.

Mehr zu den Idiomen findet sich in der laufenden Reihe „Halunder Spreek" im Helgoländer und in unserem Halunder-Wörterbuch unter den Lemmata Koks und Hölker.

Quelle: Hauptquellen: James Krüss in GEO Nr. 4, April 1985, S. 184; Nils Århammar, „Halunder Spreek: Hölker und Koks“, Der Helgoländer Nr. 428, Februar 2000, S. 13-17. Bestätigung in der Idiom-Liste: Der Helgoländer Nr. 568, 2011, und Nr. 571, 2012.