Kein Foto von Helgoland ohne sie: die Lange Anna, der rote Felsturm an der Nordwestspitze, ist das Wahrzeichen der Insel. Aber der Name „Lange Anna" ist noch keine hundertfünfzig Jahre alt, er ist gar nicht helgoländisch und niemand weiß sicher, woher er kommt. Die Insel selbst nennt den Fels anders. Ein Streifzug durch die Namen, die Theorien und die Geschichte eines Felsens, der einen Geburtstag hat und vielleicht auch ein Ablaufdatum.

Nathuurnstak: der Name, den die Insel selbst benutzt
Auf Halunder heißt die Lange Anna Nathuurnstak. Das Wort setzt sich zusammen aus Nathuurn (der Nordspitze der Insel, wörtlich das Nordhorn) und deät Stak (einem freistehenden Felsen). Wörtlich also: der Fels an der Nordspitze. Das Helgoländische unterscheidet dabei fein: de Stak ist ein Zaun, deät Stak ist der freistehende Felsen im Meer. Krogmann führt in seinem Wörterbuch von 1957 sogar noch einen zweiten Namen für den Felsen: Nonne.
„Lange Anna" dagegen ist ein Gästename. „Der Helgoländer" hält 1976 nüchtern fest, der Fels habe „von den Gästen" seinen Namen bekommen. Viele Insulaner mochten den Gästenamen lange nicht besonders. Bis heute sagt man auf der Insel Nathuurn und in Halunder-Texten steht bis heute Nathuurnstak.
Vor Anna kam der Hengst
Bevor sich „Lange Anna" durchsetzte, hieß der Fels auf Deutsch „Hengst", nach dem Halunder-Wort Hingst (Pferd). „Der Helgoländer" rätselt 1998, das komme wohl daher, dass der wuchtige Fels an einen Pferdekopf erinnere. Genau genommen wanderte der Name aber von einem Vorgänger herüber: Vor der heutigen Langen Anna stand ein eigener Felsen namens „Hengst", der 1856 endgültig einstürzte. Danach übertrug man den Namen eine Weile auf den neuen Pfeiler, bis „Lange Anna" ihn ablöste. Die Inselzeitung merkte schon damals an, dass „Hengst" streng genommen nur zum alten Felsen gepasst hatte.
Woher kommt „Lange Anna"? Vier Theorien
Und die Anna? Da gibt es mehrere Erklärungen, von der charmanten Inselgeschichte bis zur nüchternen Sprachforschung. Keine lässt sich beweisen.
Die Kellnerin. Die beliebteste Version: „Lange Anna" sei eine großgewachsene Bedienung gewesen, die im „Café Nordspitze" nahe dem Felsen servierte. „Der Helgoländer" gibt die Geschichte 1990 wieder und fast jede Tourismusseite erzählt sie bis heute. Nur: einen Nachnamen, ein Geburtsdatum oder irgendeinen zeitgenössischen Beleg für diese Anna gibt es nicht.
Der Kaiserzeit-Spitzname. Sprachforscher ordnen den Namen anders ein, als scherzhaften Personen-Spitznamen der Kaiserzeit, im selben Muster wie die „Dicke Bertha". In Cuxhaven gab es zur gleichen Zeit sogar eine „Schlanke Anna". Auffällige Bauwerke und Felsen bekamen damals gern menschliche Kosenamen.
Der vergessene Witz. Dahinter steckt vermutlich noch eine Schicht. „Lange Anna" war um 1900 auch ein geflügeltes Wort aus dem großstädtischen Milieu der Kaiserzeit, mit anzüglichem Unterton, belegt schon 1893 beim Arzt Albert Moll und 1909 in Else Lasker-Schülers Drama „Die Wupper". Badegäste übertrugen den frechen Ausdruck auf den hoch aufragenden Fels. Als der ursprüngliche Witz über die Jahrzehnte in Vergessenheit geriet, schob man die harmlose Kellnerin nach. Ein klassischer Fall von Volksetymologie: aus einer Anspielung wird eine brave Anekdote.
Die Form. Und die schlichteste Deutung: der schlanke, hoch aufragende Fels als „lange" Frauengestalt, ganz ohne eine bestimmte Anna.
Belegen lässt sich keine der Theorien. Die Sprachforschung neigt zum Kaiserzeit-Spitznamen, die Insel liebt ihre Kellnerin und der Fels selbst schweigt. Sicher ist nur: „Lange Anna" kam erst um 1900 auf, lange nach dem alten Inselnamen Nathuurnstak.
Ein Wahrzeichen mit Geburtstag
Die Lange Anna hat, anders als die meisten Felsen, ein Geburtsdatum. Bis weit ins 19. Jahrhundert war sie das äußere Ende der Insel, verbunden durch einen natürlichen Felsbogen, das Nathuurngatt. Die Brandung nagte immer weiter an dem weichen roten Buntsandstein, das Loch unter dem Bogen wurde größer, bis die Decke einstürzte und der Pfeiler allein im Meer zurückblieb.
Beim Datum wird es interessant: Wikipedia und die Insel-Tourismusseite nennen den 16. Mai 1860. „Der Helgoländer" selbst schreibt aber über Jahrzehnte hartnäckig 1865, in Ausgaben von 1966 bis 1998. Das ist kein einzelner Tippfehler, sondern eine auf der Insel tradierte Abweichung. Wer es genau nimmt, sagt: um 1860, auf Helgoland oft 1865.
Der Fels ist rund 47 Meter hoch, wiegt etwa 25.000 Tonnen und steht auf gerade einmal 180 Quadratmetern. Und er ist der letzte seiner Art. Wo heute nur noch die Lange Anna steht, zählte der Geologe Wiebel 1848 vor der Nordspitze noch vierzehn einzelne Felsen. Sie tragen in den alten Chroniken schöne Namen, etwa der „Mönch" (eingestürzt 1838) und der alte „Hengst" (1856). Das Meer hat sie alle geholt.

Die Kleine Anna
Und ja, es gibt auch eine „Kleine Anna" (selten auch „Kurze Anna"). Am 31. Januar 1976 brachen bei einem sogenannten „Kalben" des Inselmassivs, also einem plötzlichen Felssturz, mehrere Tonnen Gestein ab und nur wenige Meter neben der Langen Anna blieb eine kleine, spitze Felsnadel stehen. „Die „Kleine Anna" ist geboren", meldete „Der Helgoländer" damals stolz, mitsamt Foto. Eine echte freistehende Nadel wie ihre große Schwester war sie allerdings nie, sie blieb mit dem Oberland verbunden. Aber sie steht bis heute, als schlanke Nadel neben der großen Schwester, gut zu sehen auf dem Foto ganz oben. Ein echter freistehender Felsturm wie die Lange Anna ist sie damit nicht.
Wie lange steht sie noch?
Genau das ist die bange Frage. Seit 1969 ist die Lange Anna Naturdenkmal. Weil die Brandung ihren Fuß immer tiefer aushöhlte, wurde er 1979 regelrecht „plombiert", mit rund 20 Tonnen Stahl und viel Beton, eingefärbt mit rotem Sandstein, damit man es nicht sieht. Ein eigener „Verein zum Schutz der Langen Anna" und später eine „Stiftung Lange Anna" kümmern sich um den Fels. Der Bauunternehmer Arne Weber sagte 1998: „Helgoland ohne Lange Anna kann ich mir nicht vorstellen. Sie ist genauso wichtig wie der Schiefe Turm von Pisa oder der Pariser Eiffelturm."
Nur: der obere Teil ist von tiefen Rissen durchzogen und Fachleute der TU Harburg kamen 1998 zu dem Schluss, dass eine echte Rettung zu teuer, zu gefährlich und wohl zu spät wäre. Man sichert den Sockel und lässt den Rest der Natur. Wie sich das anfühlt, hat die Helgoländer Sprachlehrerin Mina Borchert einmal in einem Satz auf den Punkt gebracht, den sie über sich selbst schrieb, als sie Hilfe brauchte:
Ik stun as Nathuurnstak alleen uun 'e Baarlung en brik Help!
Ich stehe wie die Lange Anna allein im Sturmgebraus und brauche Hilfe.
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Quelle: Hauptquellen: Willy Krogmann, „Helgoländer Wörterbuch" (1957). „Der Helgoländer" verschiedener Jahrgänge (u.a. 1966, 1970, 1975, 1976, 1990, 1998). Das Lehrbuch „Wi lear Halunder". Ein Halunder-Satz von Mina Borchert aus einem Brief an den Sprachforscher Nils Århammar. Eckhard Wallmann, „Eine Kolonie wird deutsch" (2012). Wikipedia und helgoland.de zur Langen Anna.
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