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Halundrigens

Alle Straßennamen auf Helgoland erklärt: warum die Gassen nach Vögeln und Schnecken benannt sind

Von Jakob Martens

· 8 min13Die Helgoländer Straßennamen sind ein Stück Halunder zum Mitlesen: Snep Goat, Hölker Goat, Koksen Goat. Was Wai von Goat unterscheidet, warum die Gassen nach Schnepfe, Strandschnecke und Wellhornschnecke benannt sind, welche Namen Briten und Kaiser darübergeklebt haben und warum es jede Hausnummer nur einmal auf der ganzen Insel gibt.

Wer auf Helgoland durch das Unterland geht und auf die Straßenschilder schaut, liest Wörter, die in keinem Festland-Stadtplan vorkommen: Snep Goat, Hölker Goat, Koksen Goat. In den Helgoländer Straßennamen steckt fast die ganze Insel: ihre Sprache, ihre Vögel, ihre Meerestiere, ihre Herrschaftswechsel und ein Dauerstreit darüber, wie man das alles richtig schreibt. Ein Rundgang über die Schilder.

Wai, Goat un Stak: das Wegenetz auf Halunder

Helgoländisch unterscheidet seine Wege sauber. „Wai" ist die alte Bezeichnung für die größere Straße, den Hauptweg. „Goat" ist die Gasse, die schmale Seitenstraße. Die Hauptachse des Unterlands heißt deshalb „Lung Wai", der lange Weg, und die Quergassen sind alle ein „Goat". Der Sprachwissenschaftler Nils Århammar hat 1990 im „Helgoländer" einen ganzen Aufsatz nur über die Schreibung dieser Namen veröffentlicht und genau diese Logik beschrieben.

Ein drittes Wort hat zwei Gesichter. „de Stak" ist der Zaun, „deät Stak" dagegen ein freistehender Felsen. Beide stecken in Namen. „Bop Stak" heißt „oberhalb des Zauns", gemeint ist der Lattenzaun, der früher das auf der Klippe weidende Vieh aus dem Dorf hielt. Die Lange Anna dagegen heißt auf Halunder „Nathuurnstak", die Felssäule am „Nathuurn", der Nordspitze der Insel. Und die Landungsbrücke selbst heißt auf Halunder „de Bräi", schlicht die Brücke.

Die Gassen tragen die Namen der Inseltiere

Das Schönste kommt im Unterland und am Klippenrand. Eine ganze Reihe von Gassen trägt die Namen der Tiere, die hier leben oder durchziehen. Wer die Halunder-Wörter kennt, liest die Insel-Fauna direkt von den Schildern ab:

  • Snep Goat: Schnepfengasse
  • Spriin Goat: Starengasse
  • Doger Goat: Tordalkgasse (der Tordalk brütet hier am Felsen, sonst nirgends in Deutschland)
  • Fürrit Goat: Junglummengasse, ein „Fürrit" ist eine junge Trottellumme
  • Hölker Goat: Strandschneckengasse
  • Koksen Goat: Wellhornschneckengasse, „Koksen" ist der Plural von „Koks"
  • Happot Wai: Seehasenstraße (der Seehase, der Lumpfisch, wird im Frühjahr gefangen)

Das ist keine touristische Deko, sondern altes Inselvokabular. Die „Fürrit Goat" ist nach dem Lummensprung benannt: Wenn die jungen Lummen im Juni noch flugunfähig vom Felsen ins Meer springen, sind das die „Fürrit". Und der Star steckt sogar in einer Redensart: „en bedrüppet Spriin" ist wörtlich ein begossener Star, also jemand, der ganz kleinlaut dasteht, bei uns der begossene Pudel. Ein Detail für Genaue: Auf dem Schild steht „Happot Wai", im Wörterbuch führt Krogmann das Wort aber als „Harpot" (Seehase). Im gesprochenen Halunder ist das r geschwunden, deshalb steht am Schild das Doppel-p.

Alt, nur die Schilder sind neu

Man könnte denken, diese hübschen Halunder-Namen seien beim Wiederaufbau am Reißbrett erfunden worden. Sind sie nicht. In den Todesanzeigen des „Helgoländer" finden sich Insulaner, die schon im 19. Jahrhundert in der „Hölker Goat" oder „Fürrit Goat" geboren wurden. Die Gassen trugen ihre Tiernamen also lange vor der Zerstörung der Insel im Zweiten Weltkrieg.

Was nach 1952 neu war, sind die Schilder, nicht die Namen. Beim Wiederaufbau hat Helgoland die mündlich längst gebräuchlichen Namen offiziell auf die Schilder gesetzt. Das Nordfriisk Instituut hält fest, dass „bereits beim Wiederaufbau Mitte der 1950er Jahre hier eine größere Anzahl zum Teil im Volksmund schon bestehender friesischer Straßennamen vergeben" wurde. Damit war die Insel früh dran: Sylt und Föhr bekamen ihre amtlichen friesischen Straßenschilder erst Jahre bis Jahrzehnte später.

Was unter den deutschen Namen liegt

Unter vielen deutschen Straßennamen liegt eine ältere Schicht. Die Hauptstraße, heute „Lung Wai", hieß zur britischen Zeit Queen Street und wurde nach der Übernahme durch das Deutsche Reich 1890 zur Kaiserstraße. Drei Ausgaben des „Helgoländer" setzen die Kette wörtlich gleich: Kaiserstraße, vormals Queen Street, heute Lung Wai.

Mein liebstes Beispiel ist der „Rekwai" im Oberland. „Rek" ist ein Trockengestell, norddeutsch ein Rick, auf dem die Insel früher ihre Fische trocknete. Mit dem Artikel wird daraus „d'Rekwai". So verschleift es im Mund zu etwas, das wie „Dreckwai" klingt. Genau diese Verwechslung hat Århammar im „Helgoländer" aufgelöst: „Dreckwai" ist kein Schimpfname und kein halbdeutsches Kauderwelsch, sondern einfach „d'Reckwai", der Trockengestell-Weg. Offiziell hieß dieselbe Straße übrigens mal Prince of Wales Street (britisch) und später Weddigenstraße. Drei Namen für einen Weg, und der Volksmund blieb bei seinem eigenen.

Wo die Schilder schummeln

Wie bei „Welkoam iip Lunn" gibt es auch bei den Straßennamen einen Dauerstreit um die richtige Schreibung. Die Schilder wurden in einer vereinfachten Nachkriegs-Schreibung ohne Doppelkonsonanten beschriftet, die Doppelung ist erst heute Standard. Deshalb steht auf dem Schild „Doger Goat", obwohl man das Tier heute „Dogger" schreibt. Genauso schreibt das Schild „Steanaker" statt „Steanakker" (Steinacker). Ein deutscher Leser spricht das einfache g und k automatisch mit langem Vokal, also „Dohger" und „Stehnaker". Gemeint ist aber kurzes o und kurzes a. Genau das hat Århammar 1990 moniert.

Manche Schilder sind sogar schlicht falsch. „Iip de Swart" liest sich, als hätte es mit „schwarz" zu tun. In Wahrheit heißt es „Am Brunnen", von „Suaat" (niederdeutsch Sood, der Brunnen). Århammar hat das jahrelang angemahnt, korrekt wäre „Bi de Suaat". Das Schild steht trotzdem.

Und zwei Etymologien zum Mitnehmen. „Beersomwai" ist der Kurhausweg, denn „Beers" heißt Kurhaus. Das Wort kommt aber von „Börse": Das erste Helgoländer Kurhaus wurde in der zur Zeit von Napoleons Kontinentalsperre gebauten Börse eingerichtet, über das niederländische beurs. Und der „Hingstgars", heute der Schulhof, heißt wörtlich Pferdeweide. Krogmann hält dazu trocken fest, dass dieses „Hingst" „med Hingster niks tu dun" habe, also mit Pferden nichts zu tun: Aus der alten Weide wurde irgendwann der Schulhof, der Name blieb.

Die Menschen auf den Schildern

Wo Helgoland nicht Halunder schreibt, ehrt es Menschen. Der Seebad-Gedanke steht am Anfang: Die J.-A.-Siemens-Terrasse trägt den Namen von Jacob Andresen Siemens, der 1826 das Seebad Helgoland als Aktiengesellschaft gründete (mehr dazu im Beitrag 200 Jahre Seebad Helgoland). Gleich daneben die Badeärzte: Heinrich von Aschen kam 1833 als erster Badearzt der Insel und warb über seine Kontakte zu den europäischen Höfen für „seine" Insel, Emil Lindemann folgte ihm von 1884 bis 1892 und schrieb mehrere Bücher über Helgoland.

Dann die Forscher. Heinrich Gätke, Ornithologe und Maler, lebte ab 1841 jahrzehntelang auf dem Felsen, machte Helgoland zum Geburtsort der Vogelwarten-Idee und veröffentlichte 1891 sein Standardwerk „Die Vogelwarte Helgoland". Friedrich Heincke leitete von 1892 bis 1921 die Biologische Anstalt Helgoland und legte mit seiner Heringsforschung den Grundstein der modernen Fischereiwissenschaft, bis heute trägt ein Forschungsschiff seinen Namen. Aus der britischen Zeit blieb die Gouverneur-Maxse-Straße nach Henry Maxse, der die Insel von 1863 bis 1881 regierte. Und Rickmer Clasen Rickmers, auf der Insel geboren, lernte hier das Schiffszimmern und gründete 1834 in Bremerhaven die Rickmers-Werft.

In der Hoffmann-von-Fallersleben-Straße steckt der Dichter, der am 26. August 1841 auf dem damals britischen Helgoland das „Lied der Deutschen" schrieb. Auf britischem Boden war er weit genug weg von der deutschen Obrigkeit.

Jede Hausnummer gibt es nur einmal

Eine Kuriosität zum Schluss, über die jeder Insulaner Bescheid weiß und jeder Gast stolpert. Helgoland nummeriert seine Häuser nicht pro Straße, sondern fortlaufend über die ganze Insel. Jede Hausnummer gibt es nur ein einziges Mal, egal in welcher Straße das Haus steht. Beim Wiederaufbau ab 1952 entschieden sich die Planer dafür, weil es bei so vielen Straßennamen wenig Sinn ergeben hätte, in jeder Gasse wieder bei 1 anzufangen. Vergeben sind die Nummern nach Inselteilen: das Unterland hat 1 bis 299, das Oberland 301 bis 900, der Hafenbereich 1.000 bis 1.310 und der Nordosten 1.400 bis 1.470.

Wer „Ringstraße 1156" sucht, braucht also nicht die Hausnummern 1 bis 1155 in derselben Straße abzulaufen, die stehen über die ganze Insel verteilt. Die Hausnummer verrät einem auf Helgoland nicht, wo in der Straße man steht, sondern in welchem Inselteil.

Welcher Straße ein Haus zugeordnet ist, entscheidet außerdem der Hauseingang. Liegt der Eingang zum Geschäft an einer anderen Straße als der zur Wohnung, läuft dasselbe Haus mit derselben Nummer unter zwei Straßennamen, einmal für die Bewohner und einmal fürs Gewerbe.

Und noch eine Zahl, die kaum jemand glaubt: Laut der Insel selbst hat Helgoland 660 Postfächer und 13 Postleitzahlen, nämlich 27483 bis 27494 und dazu die geläufige 27498. Dreizehn Stück für anderthalb Quadratkilometer. Das liegt am System der Deutschen Post, die für Hauszustellung, Postfächer und Großempfänger eigene Postleitzahlen vergibt. Eine schöne Fußnote dazu liefert das Inselblatt: Am 2. Januar 1992 stempelte das Postamt seine Post mit „2. 1. 92", also genau der damaligen Postleitzahl 2192. „Erst in einhundert Jahren käme es wieder vor", schrieb der „Helgoländer". Insgesamt zählt die Insel über hundert Straßen, Wege und Gassen, gut zwanzig davon auf Halunder.

Verwandte Beiträge: Welkoam iip Lunn; Der Streit um den Namen Helgoland. Zum Nachschlagen der Wörter: das Halunder-Wörterbuch.

Quelle: Hauptquellen: Nils Århammar, „Helgoländer Straßennamen" in „Der Helgoländer" Nr. 306 (1990) und die Fortschreibung in Nr. 557 (2010). Willy Krogmann, „Helgoländer Wörterbuch" (1957). Das Lehrbuch „Wi lear Halunder". Die Straßennamen-Seite und die Rubrik „Helgoland von A bis Z" auf helgoland.de. „Der Helgoländer" verschiedener Jahrgänge (Umbenennungen, Hausnummern, Poststempel-Anekdote).

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