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Halundrigens

Helgoländer Straßennamen auf Halunder: warum die Gassen nach Vögeln und Schnecken heißen

Von Jakob Martens

· 8 min1Die Helgoländer Straßennamen sind ein Stück Halunder zum Mitlesen: Snep Goat, Hölker Goat, Koksen Goat. Warum die Gassen der Insel nach Schnepfe, Strandschnecke und Wellhornschnecke heißen, was Wai von Goat unterscheidet, welche Namen Briten und Kaiser darübergeklebt haben und warum die Jugendherberge die Hausnummer 1.460 trägt.

Wer auf Helgoland durch das Unterland geht und auf die Straßenschilder schaut, liest Wörter, die in keinem Festland-Stadtplan vorkommen: Snep Goat, Hölker Goat, Koksen Goat. Ich bin hier aufgewachsen und habe diese Namen jahrelang gelesen, ohne groß darüber nachzudenken. Dabei steckt in den Straßennamen die ganze Insel: ihre Sprache, ihre Vögel, ihre Meerestiere, ihre Herrschaftswechsel und sogar ein kleiner Streit darüber, wie man das alles richtig schreibt. Die Helgoländer Straßennamen sind das größte frei lesbare Stück Halunder, das es gibt.

Wai, Goat un Stak: das Wegenetz auf Halunder

Helgoländisch unterscheidet seine Wege sauber. „Wai" ist die alte Bezeichnung für die größere Straße, den Hauptweg. „Goat" ist die Gasse, die schmale Seitenstraße. Die Hauptachse des Unterlands heißt deshalb „Lung Wai", der lange Weg, und die kleinen Quergassen sind alle ein „Goat". Das ist kein Zufall, sondern System: Der Sprachwissenschaftler Nils Århammar hat 1990 im „Helgoländer" einen ganzen Aufsatz nur über die Schreibung dieser Namen geschrieben und genau diese Logik beschrieben.

Ein drittes Wort ist heimtückisch. „de Stak" ist der Lattenzaun, „deät Stak" dagegen ein freistehender Felsen. Beide stecken in Straßennamen. „Bop Stak" („bop" heißt oberhalb) liegt im Oberland oberhalb des Lattenzauns, der früher das auf der Klippe weidende Vieh vom Ort fernhalten sollte. Und die Lange Anna heißt auf Halunder „Nathuurnstak", die Felssäule am „Nathuurn", dem Nordhorn der Insel.

Die Gassen heißen nach den Tieren der Insel

Das Schönste kommt im Unterland und am Klippenrand. Eine ganze Reihe von Gassen trägt die Namen der Tiere, die hier leben oder durchziehen. Wer die Halunder-Wörter kennt, liest die Insel-Fauna einfach von den Schildern ab:

  • Snep Goat: Schnepfengasse (die Schnepfe rastet auf dem Zugvogel-Felsen)
  • Spriin Goat: Starengasse
  • Doger Goat: Tordalkgasse (Helgoland ist der einzige deutsche Brutplatz des Tordalks)
  • Fürrit Goat: Junglummengasse, ein „Fürrit" ist eine junge Trottellumme
  • Hölker Goat: Strandschneckengasse
  • Koksen Goat: Wellhornschneckengasse, „Koksen" ist der Plural von „Koks"
  • Happot Wai: Seehasenstraße (der Seehase, der Lumpfisch, wird im Frühjahr gefangen)

Das ist keine touristische Deko, sondern altes Inselvokabular. Die „Fürrit"-Gasse heißt nach dem Lummensprung: Wenn die jungen Lummen im Juni noch flugunfähig vom Felsen ins Meer springen, sind das die „Fürrit". Und der Star liefert sogar eine Redensart: „en bedrüppet Spriin" ist wörtlich ein begossener Star, also jemand, der ganz kleinlaut dasteht wie bei uns der begossene Pudel.

Ein Detail für Genaue: Auf dem Schild steht „Happot Wai", aber Krogmann führt das Wort im Wörterbuch als „Harpot" (Seehase, Cyclopterus lumpus). Im Alltag ist das r geschwunden, deshalb steht es heute mit Doppel-p am Anleger. Schild und Wörterbuch sind sich also nicht immer ganz einig, was uns gleich noch öfter begegnet.

Alt, nur die Schilder sind neu

Man könnte denken, diese hübschen Halunder-Namen seien beim Wiederaufbau am Reißbrett erfunden worden. Sind sie nicht. In den Todesanzeigen des „Helgoländer" findet man Insulaner, die schon 1888, 1897 oder 1900 in der „Hölker Goat" oder „Fürrit Goat" geboren wurden. Die Gassen trugen ihre Tiernamen also lange vor der Sprengung der Insel 1945.

Was nach 1952 neu war, sind die Schilder, nicht die Namen. Beim Wiederaufbau hat Helgoland eine ganze Reihe der mündlich längst gebräuchlichen Namen offiziell auf die Schilder gesetzt. Das Nordfriisk Instituut hält fest, dass „bereits beim Wiederaufbau Mitte der 1950er Jahre hier eine größere Anzahl zum Teil im Volksmund schon bestehender friesischer Straßennamen vergeben" wurde. Damit war die Insel früh dran: Sylt und Föhr bekamen ihre amtlichen friesischen Straßenschilder erst Jahre bis Jahrzehnte später.

d'Rekwai, Dreckwai und was unter den deutschen Namen liegt

Unter vielen deutschen Straßennamen liegt eine ältere Schicht. Die Hauptstraße, heute „Lung Wai", hieß zur britischen Zeit Queen Street und wurde nach der Übernahme durch das Deutsche Reich 1890 zur Kaiserstraße. Drei Ausgaben des „Helgoländer" setzen die Kette wörtlich gleich: Kaiserstraße, vormals Queen Street, heute Lung Wai.

Mein liebstes Beispiel ist der „Rekwai" im Oberland. „Rek" ist ein Trockengestell, norddeutsch ein Rick, auf dem die Insel früher ihre Fische trocknete. Mit dem Artikel wird daraus „d'Rekwai". So verschleift es im Mund zu etwas, das wie „Dreckwai" klingt. Genau diese Verwechslung hat Århammar im „Helgoländer" aufgelöst: „Dreckwai" ist kein Schimpfname und kein halbdeutsches Kauderwelsch, sondern einfach „d'Reckwai", der Trockengestell-Weg. Offiziell hieß dieselbe Straße übrigens mal Prince of Wales Street (britisch) und später Weddigenstraße. Drei Namen für einen Weg, und der Volksmund blieb bei seinem eigenen.

Noch ein Fall, der gern verwechselt wird: „de Bräi". Das heißt nicht „die Breite", wie man oft hört, sondern schlicht Brücke, also die Landungsbrücke. Krogmann notiert „Bräi" zusätzlich als alten Namen der Kirchenstraße, weil das die gepflasterte Straße war („bräie" heißt pflastern).

Wo die Schilder schummeln

Wie bei „Welkoam iip Lunn" gibt es auch bei den Straßennamen einen Dauerstreit um die richtige Schreibung. Die Schilder im Oberland wurden in einer vereinfachten Nachkriegs-Orthografie ohne Doppelkonsonanten beschriftet. Deshalb steht da „Doger Goat" und „Steanaker". Ein deutscher Leser spricht das einfache g und k automatisch mit langem Vokal, also „Dohger" und „Stehnaker". Gemeint ist aber kurzes o und kurzes a, „Dogger" und „Steanakker". Genau das hat Århammar 1990 moniert.

Manche Schilder sind sogar schlicht falsch. „Iip de Swart" liest sich, als hätte es mit „schwarz" zu tun. In Wahrheit heißt es „Am Brunnen", von „Suaat" (niederdeutsch Sood, der Brunnen). Århammar hat das jahrelang angemahnt, korrekt wäre „Bi de Suaat". Das Schild steht trotzdem.

Und zwei Etymologien zum Mitnehmen. „Beersomwai" ist der Kurhausweg, denn „Beers" heißt Kurhaus. Das Wort kommt aber von „Börse": Das erste Helgoländer Kurhaus wurde in der zur Zeit von Napoleons Kontinentalsperre gebauten Börse eingerichtet, über das niederländische beurs. Und der „Hingsgaars", heute der Schulhof, heißt wörtlich Pferdeweide. Krogmann hält dazu trocken fest, dass dieses „Hingst" „med Hingster niks tu dun" habe, also mit Pferden nichts zu tun: Aus der alten Wiese wurde irgendwann der Schulhof, der Name blieb.

Die Menschen auf den Schildern

Wo Helgoland nicht Halunder schreibt, ehrt es Personen. Die Badeärzte von Aschen und Lindemann, die das mondäne Seebad bekannt machten. Die Naturforscher Heinrich Gätke (Vogelwarte) und Friedrich Heincke (Biologische Anstalt). Den britischen Gouverneur Maxse. Den Wiederaufbau-Architekten Otto Bartning. Eine ganze Inselgeschichte in Straßenschildern.

Das Überraschende daran: Von all diesen Namensgebern sind nur zwei gebürtige Helgoländer. Jacob Andresen Siemens, der 1826 das Seebad als Aktiengesellschaft gründete, sowie Rickmer Clasen Rickmers, der 1834 in Bremerhaven die Rickmers-Werft aufbaute. Alle anderen sind Zugereiste, die für die Insel wichtig wurden. Der schönste Zugereiste steht etwas abseits: In der Hoffmann-von-Fallersleben-Straße steckt der Mann, der am 26. August 1841 auf dem damals britischen Helgoland das „Lied der Deutschen" dichtete. Die Insel war als britischer Boden gerade weit genug weg von der deutschen Obrigkeit.

Warum die Jugendherberge die Hausnummer 1.460 hat

Zum Schluss eine Kuriosität, über die jeder Insulaner Bescheid weiß und jeder Gast stolpert. Helgoland nummeriert seine Häuser nicht pro Straße, sondern fortlaufend über die ganze Insel. Jede Hausnummer gibt es nur ein einziges Mal, egal in welcher Straße das Haus steht. Historisch wurde durchnummeriert, in welcher Reihenfolge gebaut wurde. Das Unterland beginnt bei Nummer 1, das Oberland bei 301, der Hafen ab 1000.

Die höchste Hausnummer der Insel trägt die Jugendherberge: 1.460. Auf einer Insel mit rund 1.300 Einwohnern hat ein einziges Haus also eine höhere Nummer, als die Insel Einwohner hat. Wer „ Ringstraße 1156" sucht, braucht nicht die Hausnummern 1 bis 1155 in derselben Straße abzulaufen, die stehen über die ganze Insel verteilt. Die Hausnummer verrät einem auf Helgoland nicht, wo in der Straße man ist, sondern eher, wann das Haus gebaut wurde.

Und weil wir gerade bei Zahlen sind: Die Postleitzahl ist heute 27498, früher war sie 2192. Am 2. Januar 1992 stempelte das Helgoländer Postamt seine Post mit „2. 1. 92", also genau der damaligen Postleitzahl 2192. „Erst in einhundert Jahren käme es wieder vor", schrieb der „Helgoländer". Insgesamt hat die Insel auf ihren knapp 1,7 Quadratkilometern rund 93 Straßennamen und etwa ein Viertel davon ist Halunder.

Und nun?

Die Straßenschilder sind das öffentlichste Halunder, das es gibt. Tausende Tagesgäste lesen jeden Sommer „Koksen Goat", ohne zu wissen, dass sie gerade Wellhornschneckengasse gelesen haben. In den Namen stecken die Vögel vom Felsen, die Tiere aus dem Felswatt, die alten Trockengestelle für die Fische und die Geschichte einer Insel, die dänisch, britisch und deutsch war. Solange die Schilder stehen und die Helgoländer sich über das richtige Doppel-n streiten, ist die Sprache mitten im Alltag.

Verwandte Beiträge: Welkoam iip Lunn; Der Streit um den Namen Helgoland. Zum Nachschlagen der Wörter: das Halunder-Wörterbuch.

Quelle: Hauptquellen: Nils Århammar, „Helgoländer Straßennamen" in „Der Helgoländer" Nr. 306 (1990) und die Fortschreibung in Nr. 557 (2010). Willy Krogmann, „Helgoländer Wörterbuch" (1957). Das Lehrbuch „Wi lear Halunder". Die Straßennamen-Seite von helgoland.de. „Der Helgoländer" verschiedener Jahrgänge (zu den Umbenennungen, den Hausnummern und der Poststempel-Anekdote).

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