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Welkoam iip Lunn: was der Helgoländer Willkommensgruß wirklich bedeutet

Von Jakob Martens

· 5 min6Welkoam iip Lunn, die Halunder-Begrüßung auf der Helgoländer Landungsbrücke, ist seit den 1960er Jahren mehrfach erneuert worden. Trotzdem diskutieren Halunder-Sprecher seit Jahrzehnten: heißt es Lun oder Lunn, Welkoam oder Welkeem? Und warum ist „deät Lun" eigentlich Helgoland selbst und nicht „festes Land"?

Auf der Stirnseite der Helgoländer Landungsbrücke steht in großen weißen Buchstaben: links „WELKOAM", rechts „IIP LUNN". Die Aufschrift ist nicht neu. Sie steht dort seit den 1960er Jahren und wurde mehrfach erneuert. Vor der Corona-Pause war das die erste Halunder-Botschaft jedes Tagesgastes: aus dem Börte-Boot sah man sie direkt vor sich. Heute, wo die Schiffe direkt am Helgoland-Kai festmachen, sieht man die Aufschrift vor allem noch, wenn man mit der Dünenfähre „Witte Kliff" zur Düne fährt. Trotzdem streiten Halunder-Sprecher seit Jahrzehnten darüber, ob das überhaupt korrekt geschrieben ist.

Stirnseite der Helgoländer Landungsbrücke vom Wasser aus. In weißen Lettern auf dem Beton: links 'WELKOAM', rechts 'IIP LUNN'. Auf der Brüstung darüber ein Banner '100 Jahre James Krüss'.
Welkoam iip Lunn, die Aufschrift auf der Helgoländer Landungsbrücke. Im Hintergrund das 100-Jahre-James-Krüss-Banner zum Geburtstagsjahr 2026.

Lun heißt Helgoland, nicht „Land"

Eine häufige Verwechslung gleich vorweg: Manche lesen „Welkoam iip Lun" als „Willkommen an Land" im Sinne von „schön dass du jetzt wieder festen Boden unter den Füßen hast". Das ist nicht gemeint. Auf Helgoländisch hat deät Lun (mit Artikel deät) eine ganz spezielle Bedeutung: es ist der Name für Helgoland selbst. Wenn Helgoländer untereinander von „iip Lun" sprechen meinen sie ihre Insel als Ganzes, nicht „auf festem Boden". „Welkoam iip Lun" heißt also: Willkommen bei uns auf Helgoland.

Das findet sich so auch in alten Helgoländer Texten. In dem Gedicht „Fan 't Lun" heißt es zum Beispiel:

Tufeeren lewwet wi iip 't Lun

Früher lebten wir auf der Insel

aus dem Helgoländer Gedicht „Fan 't Lun"

Die Kurzform „'t" steht hier für „deät" (das). Gemeint ist immer dieselbe Insel.

Was die Wörterbücher sagen: Lun mit einem n

Krogmann (1957), das Standardwerk und erste Wörterbuch des Helgoländischen, hat in seinem Beispielsatz unter dem Stichwort „welkoam" das Wort einfach „Lun" geschrieben (mit einem n). Die moderne Århammar-Schreibung folgt dem genauso: Singular „Lun", ohne Doppel-n. Wer also nach den beiden großen Halunder-Wörterbüchern geht müsste „Welkoam iip Lun" schreiben.

Die Aufschrift hat trotzdem Doppel-n. Wenn man das wörtlich nimmt, wäre „Lunn" der Plural von „Lun". Krogmann belegt diese Plural-Form selbst an anderer Stelle: uun baal ale Lunn" heißt „in fast allen Ländern". Plural-„Lunn" auf der Aufschrift hieße also „Willkommen in den Ländern" und das passt offensichtlich nicht. Es muss eine andere Erklärung geben.

Warum trotzdem Doppel-n? Die wahrscheinlichste Erklärung

Wenn ein deutscher Tourist „Welkoam iip Lun" liest spricht er es instinktiv als „Welkoam iip Luhn" mit langem u. So funktioniert deutsche Rechtschreibung: ein Vokal vor einfachem n wird lang gesprochen, man denke an „Mond" und „Sohn". Auf Helgoländisch muss aber gerade umgekehrt gesprochen werden: kurzes u plus deutliches, langes n. So wie in „Mann" oder „Sonne". Das Doppel-n in „Lunn" auf der Aufschrift ist wahrscheinlich genau dieser pragmatische Trick: es zwingt deutsche Leser zur richtigen Aussprache mit kurzem u. Eine lexikalisch korrekte Schreibung wäre es nicht, aber eine alltagstaugliche.

Detailaufnahme der rechten Hälfte der Helgoländer Anlegeraufschrift. Weiße Großbuchstaben 'IIP LUNN' auf grauem Beton.
IIP LUNN im Detail. Das Doppel-n hilft Auswärtigen zur korrekten Aussprache.

Sechzig Jahre Aufschrift: eine kleine Chronologie

Der Streit ist nicht neu. Ich habe in den Helgoländer-Ausgaben nachgeschaut, wie es konkret verwendet wurde:

  • 1965: erste belegte Festrede mit „Welkoam iip Lunn"
  • 1970: Bürgervorsteher Peter H. Botter empfängt die MS Fair Lady mit „Welkoam iip Lun" (nur ein n)
  • 1974: der „Helgoländer" druckt versehentlich „Welkoam iip up Lunn" und korrigiert das im Folgemonat
  • 1975: Bürgermeister H. P. Rickmers zur Nordseewoche-Eröffnung: „Unser ‚Welkoam iip Lun' gilt all denen…" (wieder ein n)
  • um 1985: Inselfilm trägt den Titel „Welkoam iip Lunn"
  • 2010: Bildunterschrift im „Helgoländer" Nr. 550 (April 2010): Welkoam iip Lunn heißt es jetzt wieder." Das bezieht sich vermutlich auf eine Renovierung der Aufschrift, die in den Vorjahren stellenweise verwittert war und nach dem Anstrich wieder klar lesbar wurde.
  • 2020-2024: Aufschrift weiterhin „Lunn"

In den Reden und Druckwerken der Insel pendelt die Schreibung über sechs Jahrzehnte hin und her. Auf der Landungsbrücke selbst aber steht durchgehend „Lunn". Im Wörterbuch und im Gebrauch dagegen findet man „Lun" mit einem n.

Welkoam oder Welkeem?

Zweiter Streitpunkt: Manche Helgoländer halten „Welkeem" für die eigentlich korrekte Form. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Tippfehler, ist aber gar nicht abwegig.

Das helgoländische Wort entsteht aus zwei Teilen: „wel" (= wohl) plus „keemen" (= kommen). „Wel" ist dasselbe Wörtchen wie englisch „well" in „welcome" oder wie das deutsche „wohl" in der älteren Form „wohlkommen". Die Halunder-Bildung ist also wohl + kommen. Krogmann führt das Wort als Eigenschaftswort: „welkoam". Aber wer das Verb-Muster betont kommt auf „welkeemen" oder kurz „welkeem". Dieselbe Bildung gibt es bei „folkeemen" (vollkommen, also „fol" plus „keemen") und sie ist in Krogmanns Wörterbuch gut belegt. In „Helgoland Ruft" von 1997 schreibt tatsächlich jemand: Ooinen en Maats sen allemoal hartelk welkeemen!" Manche Halunder-Kenner halten das für die korrektere Form, weil sie das System dahinter im Ohr hören.

Der Druckfehlerteufel von 1974

Im Juni 1974 listet „Der Helgoländer" Druckfehler aus der Vormonatsausgabe auf. Darunter:

„Schlimmer als sonst hat der Druckfehlerteufel in der Nr. 117 sein Unwesen getrieben. … der helgoländische Willkommensgruß heißt „Welkoam iip (statt up) Lunn"."

„Der Helgoländer" Nr. 118, Juni 1974, S. 18

Vermutlich war das einfach ein Tippfehler. Die Druckkorrektur klärt aber zumindest einen Punkt der unstrittig ist: Helgoländisch ist „iip", nicht „up". Das ist die einzige Stelle im Streit um „Welkoam" über die sich alle einig sein können.

Und nun?

Die Aufschrift bleibt wie sie ist. Sie wurde mehrfach erneuert, die Schreibung blieb dabei immer „Lunn". Krogmann hätte „Welkoam iip Lun" mit einem n geschrieben. Århammar genauso. Manche Helgoländer halten „Welkeem iip Lun" für noch genauer am Wortbau. Trotzdem prangt am Beton seit Jahrzehnten „Welkoam iip Lunn". Drei Schreibweisen die alle ihre Logik haben. Aber solange Helgoländer sich darüber streiten können, lebt die Sprache.

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Quelle: Hauptquellen: Willy Krogmann, „Helgoländer Wörterbuch" (1957), das Standardwerk und erste Wörterbuch des Helgoländischen. „Der Helgoländer" Nr. 79 (1970), Nr. 118 (Juni 1974), Nr. 130 (1975) und Nr. 550 (April 2010, mit der Bildunterschrift zur Aufschrift am Anleger). „Helgoland Ruft" 1997. Älteres Halunder-Gedicht „Fan 't Lun".