Auf der Stirnseite der Helgoländer Landungsbrücke steht in großen weißen Buchstaben: links „WELKOAM", rechts „IIP LUNN". Die Aufschrift ist nicht neu. Sie steht dort seit den 1960er Jahren und wurde mehrfach erneuert. Vor dem Ausbooten-Aus (Corona) war das die erste Halunder-Botschaft jedes Tagesgastes: aus dem Börte-Boot sah man sie direkt vor sich. Heute, wo nicht mehr ausgebootet wird und die Schiffe direkt in den Häfen festmachen, sieht man die Aufschrift vor allem noch, wenn man mit der Dünenfähre (aktuell noch die „Witte Kliff") zur Düne fährt. Trotzdem streiten Helgoländer seit Jahrzehnten darüber, ob das überhaupt korrekt geschrieben ist.

Lun heißt Helgoland, nicht einfach „Land"
Eine häufige Verwechslung gleich vorweg: Manche lesen „Welkoam iip Lun" als „Willkommen an Land" im Sinne von „schön dass du jetzt wieder festen Boden unter den Füßen hast". Das ist nicht gemeint. „An Land kommen" heißt auf Helgoländisch nämlich anders: dafür sagt man „uun 'e Wal kemen". Krogmann zitiert zum Beispiel den Satz „1870 wear 't uun 'e Krich, es di Frantsoosen uun 'e Wal kiim, om Prowedjant tu hoaln" („1870 war es im Krieg, als die Franzosen an Land kamen, um Verpflegung zu holen"). Das Wort „Wal" steht hier für „Ufer" oder „Land". Für Schiffe gibt es außerdem „uunlai" (anlegen). „Lun" taucht in keiner dieser Wendungen auf.
Das Wort „Lun" funktioniert auf Helgoländisch nämlich so: Ohne Artikel heißt es allgemein „Land", also Deutschland, Frankreich oder irgendein Staat auf der Karte. Mit Artikel „deät" wird daraus aber der Eigenname für Helgoland selbst. Wenn Helgoländer untereinander von „deät Lun" sprechen, ist ihre Insel gemeint. „Welkoam iip Lun" heißt entsprechend: Willkommen bei uns auf Helgoland.
Wer es nicht glaubt, kann es in alten Halunder-Gedichten nachlesen. Heinrich E. Claasen (1842-1917), den viele Helgoländer als ihren Heimat-Dichter zählen, hat um die Jahrhundertwende ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Fan 't Lun" („Vom Land", also vom Helgoland). Die Anfangs-Strophe sagt es klar:
Tufeeren lewwet wi iip 't Lun, Tufreeden önner is.
Früher lebten wir auf der Insel, zufrieden unter uns.
Dieselbe Wendung „iip Lun" taucht auch in Festreden, Halunder-Prosa und Gedichten immer wieder auf, etwa bei Mina Borchert, Käte Pampel oder in den älteren „Hallunner Moats"-Heften. Wer „Lun" sagt, meint Helgoland. Die Kurzform „'t" steht hier für den Artikel „deät" (das).
Was die Wörterbücher sagen: Lun mit einem n
Man könnte denken, das Doppel-n der Aufschrift gehe auf Krogmann (1957) zurück, das Standardwerk und erste Wörterbuch des Helgoländischen. Aber genau dort schreibt Krogmann selbst unter dem Stichwort „welkoam" als Beispielsatz wortwörtlich „Welkoam iip Lun!", mit einem n. Die moderne Århammar-Schreibung folgt dem genauso: Singular „Lun", ohne Doppel-n. Wer also nach den beiden großen Halunder-Wörterbüchern geht müsste „Welkoam iip Lun" schreiben.
Die Aufschrift hat trotzdem Doppel-n. Wenn man das wörtlich nimmt, wäre „Lunn" der Plural von „Lun". Krogmann belegt diese Plural-Form selbst an anderer Stelle: „uun baal ale Lunn" heißt „in fast allen Ländern". Plural-„Lunn" auf der Aufschrift hieße also „Willkommen in den Ländern" und das passt offensichtlich nicht. Es muss eine andere Erklärung geben.
Warum trotzdem Doppel-n? Die wahrscheinlichste Erklärung
Wenn ein deutscher Tourist „Welkoam iip Lun" liest spricht er es instinktiv als „Welkoam iip Luhn" mit langem u. So funktioniert deutsche Rechtschreibung: ein Vokal vor einfachem n wird lang gesprochen, man denke an „Mond" und „Sohn". Auf Helgoländisch muss aber gerade umgekehrt gesprochen werden: kurzes u plus deutliches, langes n. So wie in „Mann" oder „Sonne". Das Doppel-n in „Lunn" auf der Aufschrift ist wahrscheinlich genau dieser pragmatische Trick: es zwingt deutsche Leser zur richtigen Aussprache mit kurzem u. Eine lexikalisch korrekte Schreibung wäre es nicht, aber eine alltagstaugliche.

Sechzig Jahre Aufschrift: eine kleine Chronologie
Der Streit ist nicht neu. Ich habe in den Helgoländer-Ausgaben nachgeschaut, wie es konkret verwendet wurde:
- 1965: erste belegte Festrede mit „Welkoam iip Lunn"
- 1970: Bürgervorsteher Peter H. Botter empfängt die MS Fair Lady mit „Welkoam iip Lun" (nur ein n)
- 1975: Bürgermeister H. P. Rickmers zur Nordseewoche-Eröffnung: „Unser ‚Welkoam iip Lun' gilt all denen…" (wieder ein n)
- um 1985: Inselfilm trägt den Titel „Welkoam iip Lunn"
- 2010: Bildunterschrift im „Helgoländer" Nr. 550 (April 2010): „Welkoam iip Lunn heißt es jetzt wieder." Das bezieht sich vermutlich auf eine Renovierung der Aufschrift, die in den Vorjahren stellenweise verwittert war und nach dem Anstrich wieder klar lesbar wurde.
- 2020-2024: Aufschrift weiterhin „Lunn"
In den Reden und Druckwerken der Insel pendelt die Schreibung über sechs Jahrzehnte hin und her. Auf der Landungsbrücke selbst aber steht durchgehend „Lunn". Im Wörterbuch und im Gebrauch dagegen findet man „Lun" mit einem n.
Welkoam oder Welkeem?
Zweiter Streitpunkt: Manche Helgoländer halten „Welkeem" für die eigentlich korrekte Form. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Tippfehler, ist aber gar nicht abwegig.
Das helgoländische Wort entsteht aus zwei Teilen: „wel" (= wohl) plus „keemen" (= kommen). „Wel" ist dasselbe Wörtchen wie englisch „well" in „welcome" oder wie das deutsche „wohl" in der älteren Form „wohlkommen". Die Halunder-Bildung ist also wohl + kommen. Krogmann führt das Wort als Eigenschaftswort: „welkoam". Aber wer das Verb-Muster betont kommt auf „welkeemen" oder kurz „welkeem". Dieselbe Bildung gibt es bei „folkeemen" (vollkommen, also „fol" plus „keemen") und sie ist in Krogmanns Wörterbuch gut belegt. In „Helgoland Ruft" von 1997 schreibt tatsächlich jemand: „Ooinen en Maats sen allemoal hartelk welkeemen!" Manche Halunder-Kenner halten das für die korrektere Form, weil sie das System dahinter im Ohr hören.
Und nun?
Die Aufschrift bleibt wie sie ist. Sie wurde mehrfach erneuert, die Schreibung blieb dabei immer „Lunn". Krogmann hätte „Welkoam iip Lun" mit einem n geschrieben. Århammar genauso. Manche Helgoländer halten „Welkeem iip Lun" für noch genauer am Wortbau. Trotzdem prangt am Beton seit Jahrzehnten „Welkoam iip Lunn". Drei Schreibweisen die alle ihre Logik haben. Aber solange Helgoländer sich darüber streiten können, lebt die Sprache.
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Quelle: Hauptquellen: Willy Krogmann, „Helgoländer Wörterbuch" (1957), das Standardwerk und erste Wörterbuch des Helgoländischen. „Der Helgoländer" Nr. 79 (1970), Nr. 130 (1975) und Nr. 550 (April 2010, mit der Bildunterschrift zur Aufschrift am Anleger). „Helgoland Ruft" 1997. Älteres Halunder-Gedicht „Fan 't Lun".
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