Am 1. Juli 1830 setzt ein 32-jähriger Dichter im Hamburger Hafen auf einen Dampfer und fährt nach Helgoland. Er ist depressiv, kränkelt, hat Migräne, hat in Düsseldorf eine versprochene Professur verloren, weil katholische Kreise gegen ihn intervenierten, und sucht das, was viele Dichter seiner Zeit auf Helgoland suchten: Stille, Seeluft und ein „heilsames" Bad. Heinrich Heine bleibt sieben Wochen auf der Insel. Bevor er sie wieder verlässt, erreicht ihn eine Nachricht, die ihn politisch radikalisiert: am Pariser Festland ist die Julirevolution ausgebrochen. Was Heine in diesen sieben Wochen schreibt, gilt seither als einer der schönsten und politisch schärfsten Reisetexte der deutschen Literatur.
Der vergebliche erste Versuch, 1823
Heine wollte schon sieben Jahre früher auf die Insel. Im August 1823 versucht er es zum ersten Mal, scheitert aber an einem Nordseesturm, der den Kapitän kurz vor Helgoland zur Umkehr zwingt. In einem Brief an seinen Jugendfreund Moses Moser schildert er das Erlebnis:
„Ich bin in diesem Augenblick wie zerschlagen, die ganze Nacht habe ich auf der Nordsee herumgeschwommen, ich wollte nach Helgoland reisen, doch in der Nähe der Insel mußte der Kapitän wieder umkehren, weil der Sturm gar zu entsetzlich war. Es hat seine Richtigkeit mit dem, was man von der Wildheit des Meeres sagt."
Stattdessen fährt Heine in den Sommern 1825, 1826 und 1827 nach Norderney. Die dort gewonnenen Eindrücke verarbeitet er in seinem Lyrik-Zyklus Die Nordsee, der ihn als „Lyriker des Meeres" bekannt macht. Helgoland aber bleibt unerreicht.
1829: endlich da
Im Sommer 1829 schafft Heine es zum ersten Mal auf die Insel. Sechsundzwanzig Jahre nach Jacob Andresen Siemens' Bade-Gründung ist Helgoland noch immer ein junges Seebad, britisch verwaltet, mit gut tausend deutschen Sommergästen pro Saison. Heine schreibt am 6. August an Moser:
„Ich habe mich, nach einem kleinen Seesturm, glücklich hierher gefunden, wo ich mich wohl und heiter auf der Insel ergehe. Das Meer ist mein wahlverwandtes Element, und schon sein Anblick ist mir heilsam."
Es ist ein kurzer erster Aufenthalt. Heine zieht weiter nach Hamburg, dann nach München, hofft auf eine Professur und reist anschließend nach Italien. Helgoland bleibt im Hinterkopf. Erst ein Jahr später kommt er wieder, und diesmal länger.
Sieben Wochen 1830
Vom 1. Juli bis 10. August 1830 lebt Heine auf der Insel, fast ausschließlich in einem Logierhaus eines Helgoländer Seemanns. In seinen Briefen, die er später als Helgoländer Briefesammelt, hält er das Inselleben detailliert fest. Sein Stubennachbar, schreibt er am 29. Juli 1830, ist ein ostpreußischer Justizrat:
„Mein Stubennachbar, ein Justizrat aus Königsberg, der hier badet, hält mich für einen Pietisten, da er immer, wenn er mir seinen Besuch abstattet, die Bibel in meinen Händen findet. Mein Hauswirt ist ein prächtiger Seemann, berühmt auf der ganzen Insel wegen seiner Unerschrockenheit in Sturm und Not, dabei gutmütig und sanft wie ein Kind."
Die Bibel, die der Justizrat als Frömmigkeitsbeweis missdeutet, liest Heine als literarisches Werk, das ihn mehr fasziniert als zuletzt geahnt. In seine Reise-Bibliothek hat er außer dem Buch der Bücher noch Paul Warnefrieds Geschichte der Langobarden, Homer und einige Bände über Hexenwesen mitgenommen. Mehr Bücher braucht er nicht, schreibt er, denn die Insel selbst lese sich besser als jedes Buch.
Die berühmteste Klippe-Stelle
Am Abend des 1. August 1830 macht Heine den Spaziergang am Strand, den später Hoffmann von Fallersleben elf Jahre später, am selben Felsen, noch einmal nachgehen wird. Heines Notiz dazu wurde zu einer der oft zitierten Stellen seines gesamten Werks:
„Ich wandelte einsam am Strand in der Abenddämmerung. Ringsum herrscht feierliche Stille. Der hochgewölbte Himmel glich der Kuppel einer gotischen Kathedrale. Wie unzählige Lampen hingen darin die Sterne; aber sie brannten düster und zitternd. Wie eine Wasserorgel rauschten die Meereswellen."
Wer einmal abends am Falm oder an der Westklippe entlanggelaufen ist, kennt den Ton. Heine traf eine Wahrheit, die spätere Touristen seit zweihundert Jahren bestätigen.
Die Julirevolution erreicht die Insel
Was Heine zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: in Paris hat sich in den Tagen vom 27. bis 29. Juli 1830 alles geändert. König Karl X. hat die Pressefreiheit aufgehoben, drei Tage Barrikadenkämpfe folgten, und Frankreich ist am 2. August nicht mehr Bourbonen-Monarchie, sondern Bürgerkönigtum unter Louis-Philippe. Die Nachricht erreicht Helgoland erst Tage später, mit den verspäteten Hamburger Zeitungen. Für Heine ist sie wie eine Bekehrung. Er notiert wenige Tage nach dem 29. Juli (und überarbeitet später, in den veröffentlichten Helgoländer Briefen):
„Lafayette, das dreifarbige Banner, die Marseillaise … Es ist vorbei mit meiner Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muß. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den geweihten Waffen."
Der schwermütige Badegast wird in einer einzigen Briefwoche zum politischen Schriftsteller. Wenige Monate später, im Mai 1831, zieht Heine nach Paris. Er bleibt dort bis zu seinem Tod 1856.
Was die Helgoländer Briefe wirklich sind
Heine veröffentlicht die Helgoländer Briefe erst zehn Jahre später, 1840, im zweiten Buch seiner Streitschrift Ludwig Börne. Eine Denkschrift. Der Bonner Heine-Experte Klaus Briegleb hat 1997 bei einem Heine-Abend im Helgoländer Museum klargemacht, dass die gedruckten Briefe nur teilweise auf Tagebuch-Notizen vom Sommer 1830 zurückgehen. Vieles ist rückblickend hinzugefügt, redigiert, politisch zugespitzt. Trotzdem ist die Insel-Kulisse keine Erfindung. „Die Helgolandbriefe gehören zu den schönsten Texten, die es in deutscher Sprache gibt", fasst der Düsseldorfer Theologe und Heine-Forscher Ferdinand Schlingensiepen am gleichen Abend zusammen.
Sieben Briefe sind es: vom 1., 8., 18., 29. Juli, 1., 6., 10. August. Plus einen achten vom 19. August, geschrieben aus Cuxhaven, nach der Rückkehr. Zusammen ungefähr zwanzig Druckseiten. Heine selbst gibt in einem Brief an seine Schwester Lottchen während des Aufenthalts an, er habe „das Datum nicht im Kopf". Auch das hat seinen Charme: ein Mann, der gerade die wichtigste politische Notiz seines Lebens verfasst, vergisst den Kalender.
Vergessen, gefunden, erinnert
Vor dem Ersten Weltkrieg hatte ein Helgoländer Wohnhaus oben am Oberland eine Gedenktafel für Heine an der Fassade. Wann sie verschwand und warum, weiß heute niemand mehr. Erst 1997, im 200. Jahr seines Geburtstages, setzte sich Inselpastor Eckhard Wallmann dafür ein, dass Heine auf der Insel wieder einen sichtbaren Platz bekommt. Am 11. Juli 1997 wurde am Platz vor der Landungsbrücke, direkt neben dem Hoffmann-von-Fallersleben-Denkmal, ein Gedenkstein für Heine enthüllt. Wallmann brachte zur gleichen Zeit ein schmales Buch heraus mit dem Titel Heinrich Heine auf Helgoland. Briefe, Berichte und Bilder aus den ersten Jahren des Seebads Helgoland. Es ist bis heute die ausführlichste Studie zu Heines beiden Insel-Aufenthalten.
Drei Dichter, ein Felsen
Heine 1830, Hoffmann 1841, Krüss 1926. Drei sehr verschiedene deutsche Dichter, alle mit einem Helgoland-Bezug, jeder mit einer anderen politischen Lage am Festland. Heine kommt depressiv und kehrt politisch radikalisiert zurück. Hoffmann von Fallersleben kommt politisch verfolgt und schreibt dort das deutsche Nationallied. James Krüss wird auf der Insel geboren und macht sie hundert Jahre später zum Mittelpunkt seiner Sprachgeschichte. Heine selbst hat den gemeinsamen Nenner in einem einzigen Satz formuliert, in einem Brief an seine Schwester:
„Das Baden in der Nordsee ist immer das heilsamste Mittel für mein Übel."
Es waren nicht die Wellen, die Heine politisierten. Es war die Konstellation: ein britischer Felsen, ein deutscher Dichter, eine französische Revolution. Diese Konstellation hat es in der gesamten europäischen Literaturgeschichte nur einmal gegeben, und sie hat sich auf Helgoland getroffen.
Verwandte Beiträge aus den Halundrigens: Wie britisch war Helgoland vor dem Sansibar-Vertrag wirklich?; 200 Jahre Seebad Helgoland; Hundert Jahre James Krüss.
Quelle: Hauptquellen: Heinrich Heine, „Helgoländer Briefe", in: „Ludwig Börne. Eine Denkschrift", erschienen 1840. Der Helgoländer Nr. 396, Juni 1997 (Hinweis auf die Gedenkstein-Enthüllung). Der Helgoländer Nr. 398, August 1997 (Heine-Gedenkfeier mit Vorträgen von Klaus Briegleb und Ferdinand Schlingensiepen). Der Helgoländer Nr. 387, Dezember 1995 („Heinrich Heine sieben Wochen auf Helgoland"). Eckhard Wallmann, „Heinrich Heine auf Helgoland. Briefe, Berichte und Bilder aus den ersten Jahren des Seebads Helgoland", Helgoland 1997.
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